Gämse im verschneiten Schutzwald beobachtet Skispuren im Pulverschnee
Veröffentlicht am März 15, 2024

Die Verlockung des unberührten Pulverschnees im Wald ist gross, doch die Antwort ist ein klares Nein. Viele glauben, es ginge nur um abstrakte Regeln oder die Gefahr einer Busse. In Wahrheit löst jede Abfahrt in einer Wildruhezone eine unsichtbare „Stress-Lawine“ für die Tiere aus, die deren Überleben im Winter direkt gefährdet. Echte Beherrschung des Geländes bedeutet nicht nur, Lawinen zu überleben, sondern auch zu verstehen, dass der Schutz des Lebensraums Teil deiner Verantwortung als Freerider ist.

Die Knie pumpen, der Schnee staubt dir ins Gesicht, du schwebst. Dieses Gefühl, der „Flow“ auf einer unberührten Pulverschneepiste, ist es, was wir alle suchen. Du hast dein Material gecheckt, den Lawinenlagebericht studiert und fühlst dich sicher. Da siehst du diesen perfekten Hang, direkt durch den lichten Wald. Keine Spuren. Nur du und die Abfahrt deines Lebens. Die Versuchung ist riesig. Viele denken dabei an das eigene Risiko oder vielleicht an eine mögliche Busse. Man hört immer wieder die üblichen Ratschläge: «Respektiere die Regeln», «Achte auf die Natur». Doch das bleibt oft abstrakt und weit weg.

Aber was, wenn die wahre Meisterschaft weit über die Lawinenkunde hinausgeht? Was, wenn die entscheidende Fähigkeit eines exzellenten Freeriders nicht nur darin besteht, die sichtbaren Gefahren der Schneedecke zu lesen, sondern auch die unsichtbaren Gefahren, die seine blosse Anwesenheit für die Tierwelt bedeutet? Das Befahren von Wildschutzgebieten ist keine Kleinigkeit, kein Kavaliersdelikt. Es ist ein direkter Eingriff in den Überlebenskampf der Wildtiere, der oft tödlich endet – nur siehst du die Folgen nicht sofort. Es geht nicht darum, dir den Spass zu verderben, sondern darum, dir das volle Bild zu zeigen.

Dieser Artikel führt dich in die Perspektive der Wildtiere ein. Wir werden sehen, warum Stress im Winter tötet, wie deine Risikobewertung für Lawinen auch auf die Tierwelt anwendbar ist und wie du deine Leidenschaft ausleben kannst, ohne zum unsichtbaren Feind im Wald zu werden. Denn wahre Grösse am Berg zeigt sich nicht in der rücksichtslosesten Linie, sondern in der klügsten.

Warum tötet Stress durch Skifahrer das Gamswild im Winter?

Im Winter schaltet der Körper eines Wildtieres, wie einer Gämse oder eines Birkhuhns, in einen radikalen Sparmodus. Jede einzelne Kalorie zählt. Sie bewegen sich so wenig wie möglich und zehren von den Fettreserven, die sie sich im Sommer angefressen haben. Ihr Überleben hängt von einem fein ausbalancierten Energiehaushalt ab. Wenn du nun als Freerider plötzlich in ihrem Lebensraum auftauchst, löst das eine reflexartige Flucht aus. Diese Panik ist für das Tier eine Katastrophe. Es weiss nicht, ob du ein Raubtier bist, es kennt nur den Instinkt: Flucht um jeden Preis, durch tiefen, kräftezehrenden Schnee.

Was für dich ein paar elegante Schwünge sind, ist für eine Gämse ein Kampf auf Leben und Tod. Stell dir vor, du müsstest mit Tourenski durch hüfthohen, schweren Schnee sprinten. Die Anstrengung ist immens. Tatsächlich kann eine einzige Flucht im Tiefschnee für eine Gämse den Energieverbrauch mehrerer ruhiger Wintertage bedeuten. Diese Energie fehlt ihr später, um die Kälte zu überstehen oder sich gegen Krankheiten zu wehren. Sie verhungert oder erfriert nicht sofort, aber die Störung hat ihre Überlebenschancen drastisch reduziert.

Gämse flüchtet durch tiefen Schnee mit sichtbarer Anstrengung

Diese „Stress-Lawine“ ist keine Theorie, sondern wissenschaftlich belegt. Sie ist unsichtbar, aber ihre Folgen sind real und oft tödlich für die Tiere, die ohnehin schon am Limit leben.

Fallbeispiel: Die Stresshormon-Studie bei Birkhühnern

Eine Studie der Universität Bern unter Professor Raphaël Arlettaz hat die Auswirkungen von Wintersportlern auf Birkhühner in den Schweizer Alpen untersucht. Mittels einer nicht-invasiven Methode massen die Forscher die Stresshormone im Kot der Vögel. Das Ergebnis war eindeutig: In Gebieten mit häufigen Störungen war der Stresspegel der Birkhühner um 20 Prozent höher. Noch dramatischer: In Zonen, die stark von Wintersportlern frequentiert werden, waren die Bestände um 30 bis 50 Prozent kleiner. Die ständige Flucht und der damit verbundene Stress führen direkt zu einem Rückgang der Population.

Wie bediene ich das LVS-Gerät, um meinen Kollegen in 15 Minuten zu finden?

Die 15-Minuten-Marke ist im Lawinenfall die magische Grenze für die Überlebenschance. Deine Fähigkeit, das LVS-Gerät (Lawinenverschüttetensuchgerät) blind zu beherrschen, ist also nicht nur Technik, sondern Lebensversicherung. Es geht um einen automatisierten Drill, der auch unter höchstem Stress funktioniert. Der Ablauf ist immer gleich und muss sitzen: Signalsuche, Grobsuche, Feinsuche, Punktortung. Sobald dein Gerät das erste Signal empfängt, schreist du es laut, damit der Rest der Gruppe weiss, dass du auf Empfang bist und sie ihre Geräte auf Empfang schalten und die Suche unterstützen können.

Bei der Grobsuche folgst du dem Richtungspfeil und der Distanzanzeige zügig, aber nicht überhastet. Deine Augen scannen bereits das Gelände nach Hinweisen. Sobald du die 10-Meter-Marke erreichst, verlangsamst du. Jetzt beginnt die Feinsuche. Du nimmst das Gerät vom Körper und führst es langsam und tief über der Schneeoberfläche. Du gehst in die Knie und kreuzt systematisch in einem Raster ab, bis du den Punkt mit der geringsten Distanzanzeige gefunden hast. Diesen Punkt markierst du sofort. Dann beginnt die Punktortung mit der Sonde: Du stichst senkrecht zur Schneeoberfläche im Spiralmuster um deinen markierten Punkt, bis du den weichen, federnden Widerstand eines Körpers spürst. Sonde stecken lassen und sofort mit dem Schaufeln beginnen. Jede Sekunde zählt.

Warum dieser technische Exkurs? Weil der Adrenalinschub und die Panik, die du bei der Suche nach einem Kameraden spürst, ein Bruchteil des Stresses sind, den ein Wildtier bei einer unerwarteten Störung empfindet. Du hast ein Ziel und einen Plan, das Tier hat nur pure Todesangst. Dein überlegtes, schnelles Handeln kann ein Leben retten. Dasselbe gilt für deine überlegte, respektvolle Tourenplanung: Sie rettet ebenfalls Leben, auch wenn du es nicht direkt siehst.

Technik oder Ausbildung: Was rettet im Ernstfall wirklich das Leben?

Du hast den neuesten Airbag-Rucksack, das leichteste Carbon-Splitboard und ein LVS-Gerät mit drei Antennen. Die Technik gibt dir ein Gefühl von Sicherheit. Doch im Ernstfall rettet nicht das Material allein dein Leben, sondern deine Ausbildung und Erfahrung – deine Fähigkeit, die richtigen Entscheidungen zu treffen, lange bevor das Material zum Einsatz kommen muss. Es ist die Fähigkeit, einen Hang zu lesen, die Schneedecke zu beurteilen und, am wichtigsten, auch mal „Nein“ zu sagen und umzukehren. Diese Denkweise ist der Kern des Risikomanagements.

Genau diese Denkweise müssen wir auf den Wald übertragen. Ein intakter Schutzwald ist die beste Lebensversicherung für Dörfer, Strassen und auch für Skigebiete unterhalb der Baumgrenze. Er bremst Lawinen auf natürliche Weise. Doch dieser Schutz ist nicht selbstverständlich. Er hängt von der ständigen Verjüngung des Waldes ab – davon, dass junge Bäume nachwachsen können. Und genau hier schliesst sich der Kreis: Wenn Wildtiere wie Hirsche oder Gämse im Winter wiederholt in ihren Einständen gestört werden, suchen sie Schutz in dichteren Waldpartien. Dort, unter Stress, verbeissen sie die jungen Triebe der Bäume. Dieser Verbiss schädigt den Wald nachhaltig und schwächt seine Schutzfunktion für uns Menschen.

Bergführer zeigt Gruppe die Wildruhezonen auf topografischer Karte

Deine Abfahrt im Schutzwald gefährdet also nicht nur die Tiere, sondern langfristig auch Menschen und Infrastruktur. Echte Ausbildung bedeutet daher mehr als nur Lawinenkunde. Es bedeutet, das gesamte Ökosystem Berg zu verstehen und zu erkennen, dass der Schutz des Waldes auch dein eigener Schutz ist. Eine gute Tourenplanung berücksichtigt deshalb immer die offiziell ausgeschiedenen Wildruhe- und Wildschutzgebiete.

Der Fehler, alten Spuren blind zu folgen und in den Steilhang einzufahren

Es ist ein klassisches Phänomen im Gelände: Eine Spur existiert, also muss es sicher sein. Dieser Herdentrieb ist einer der gefährlichsten Trugschlüsse beim Freeriden. Du weisst nicht, wer diese Spur gelegt hat. War es ein lokaler Experte bei sichersten Verhältnissen? Oder ein unwissender Fahrer, der einfach nur Glück hatte? Blind einer Spur zu folgen, entbindet dich nicht von deiner eigenen Verantwortung, das Gelände selbst zu beurteilen. Dieselbe Logik gilt für Wildruhezonen. Nur weil bereits Spuren in einen geschützten Hang führen, heisst das nicht, dass es erlaubt oder ungefährlich für die Tiere ist.

Vielleicht denkst du: „Ich bin allein, schnell und leise – mich bemerkt niemand.“ Das ist ein weiterer Irrtum. Wildhüter und die Jagdaufsicht sind oft mit Ferngläsern im Gelände unterwegs und kennen die neuralgischen Punkte genau. Die Konsequenzen sind dann nicht nur schlecht für dein Gewissen, sondern auch für dein Portemonnaie. Das unrechtmässige Betreten oder Befahren einer signalisierten Wildruhezone ist eine Übertretung des Bundesgesetzes über die Jagd und die Schonung der wildlebenden Säugetiere und Vögel. Je nach Kanton und Schwere des Verstosses können die Strafen empfindlich sein.

Fallbeispiel: Kontrolle am Flumserberg

An einem Januartag beobachtete ein Wildhüter am Flumserberg fünf Wintersportler, die gezielt in die signalisierte Wildruhezone einfuhren, um eine unberührte Abfahrt zu geniessen. Er konnte die Gruppe anhalten und kontrollieren. Die mehrheitlich jüngeren Skifahrer waren sich der Übertretung bewusst, hatten die Verlockung aber über die Regeln gestellt. Sie wurden wegen Übertretung des Jagdgesetzes angezeigt. Solche Fälle führen regelmässig zu Strafbefehlen, oft in der Höhe von 100 bis 150 CHF als Ordnungsbusse, bei wiederholten oder schweren Fällen auch mehr.

Die Ausrede „Ich habe es nicht gewusst“ zählt nicht. Die Zonen sind auf den offiziellen Karten verzeichnet und im Gelände markiert. Einer alten Spur zu folgen ist keine Rechtfertigung, sondern ein Zeichen mangelnder eigener Tourenplanung und Verantwortung.

Wann am Morgen ist die Lawinengefahr bei Erwärmung am geringsten?

Bei einer angekündigten Erwärmung und klaren Nächten, typisch für das Frühjahr, ist die Zeit dein wichtigster Faktor. Die Lawinengefahr durch Nassschneelawinen ist am Morgen nach einer kalten, klaren Nacht am geringsten. Der Schnee hat sich über Nacht verfestigt und eine tragfähige Kruste gebildet. Sobald die Sonne auf die Hänge scheint, beginnt die Erwärmung. Osthänge sind als erste betroffen, dann folgen Süd- und Westhänge. Die Faustregel lautet: Sei extrem früh dran. Du solltest deine Tour so planen, dass du kritische Hänge bereits abgefahren hast, bevor sie von der Sonne aufgeweicht werden. Der „richtige“ Zeitpunkt ist nicht eine fixe Uhrzeit, sondern hängt von der Höhe, der Exposition und der Intensität der Sonneneinstrahlung ab. Sobald du merkst, dass du tiefer als knöcheltief einsinkst, ist es ein klares Alarmsignal – du bist zu spät dran.

Dieses genaue Lesen der Bedingungen, dieses Verständnis für Zeit und Natur, ist genau das, was wir auch im Umgang mit Wildtieren brauchen. So wie du den Sonnenstand für deine Sicherheit nutzt, musst du die Bedürfnisse der Tiere in deine Planung einbeziehen. Die Lieblingsplätze der Wildtiere sind oft genau die Zonen, die für dich attraktiv erscheinen: sonnige Waldränder oder schneefreie Flächen, wo sie leichter Nahrung finden. Wenn du diese Zonen respektierst, gibst du den Tieren die Chance, ihren heiklen Energiehaushalt im Gleichgewicht zu halten.

Beschädigte junge Tannen im Schutzwald durch Skikanten

Das Befahren dieser Zonen, besonders im lichten Wald, hinterlässt mehr als nur Spuren im Schnee. Scharfe Skikanten können die Rinde junger Bäume verletzen und sie nachhaltig schädigen. Du liest die Lawinengefahr, um zu überleben. Lerne, auch die Bedürfnisse des Waldes zu lesen, damit er überleben kann.

Warum ist „Stufe 3“ (Erheblich) die gefährlichste Stufe für Tourengänger?

Statistisch gesehen passieren die meisten tödlichen Lawinenunfälle bei Lawinengefahrenstufe 3, also „erheblich“. Das klingt paradox, denn Stufe 4 („gross“) oder 5 („sehr gross“) sind doch viel gefährlicher. Der Grund liegt in der menschlichen Wahrnehmung und Psychologie. Bei Stufe 4 und 5 ist die Gefahr offensichtlich und die meisten Tourengänger bleiben zu Hause. Stufe 3 ist die trügerische Stufe. Die Bedingungen können sich perfekt anfühlen – blauer Himmel, Pulverschnee. Doch in der Schneedecke lauern oft verborgene Schwachschichten. Eine Lawine kann bereits durch eine geringe Zusatzbelastung, also durch einen einzelnen Skifahrer, ausgelöst werden.

Die Verlockung ist bei Stufe 3 am grössten, das Risiko wird aber oft unterschätzt. Es ist die Stufe, die am meisten Erfahrung und Zurückhaltung erfordert. Eine ähnliche Fehleinschätzung passiert oft bei Wildruhezonen. Der unberührte Hang lockt, die Gefahr für die Tiere ist unsichtbar und wird daher als gering oder irrelevant abgetan. Das Risikomanagement muss also beide Aspekte umfassen: deine Sicherheit und die der Natur.

Die folgende Tabelle stellt die beiden Risiken gegenüber und zeigt die erstaunlichen Parallelen:

Vergleich von Lawinengefahr und Störungsgefahr
Aspekt Lawinengefahr Stufe 3 Wildruhezone befahren
Risikowahrnehmung Oft unterschätzt Häufig ignoriert
Verlockung Perfekte Pulverschneehänge Unverspurte Abfahrten
Konsequenz Lebensgefahr für Mensch Tod durch Erschöpfung für Wildtiere
Prävention 3×3 Methode, LVS-Check Karte studieren, Zonen meiden

Dein Plan für verantwortungsvolles Risikomanagement

  1. Planung zu Hause: Prüfe vor jeder Tour nicht nur den Lawinenlagebericht, sondern auch die Wildruhezonen auf karten wie map.geo.admin.ch oder der App des Kantons. Integriere diese Zonen als absolute No-Go-Areas in deine Routenwahl.
  2. Beurteilung vor Ort: Halte im Gelände aktiv Ausschau nach der offiziellen Beschilderung von Schutzgebieten. Die violetten Tafeln sind nicht zur Dekoration da, sie markieren eine lebenswichtige Grenze.
  3. Entscheidung am Einzelhang: Widerstehe der Verlockung. Auch wenn der Hang perfekt aussieht und vielleicht sogar schon Spuren darin sind – wenn er in einer Schutzzone liegt, ist er tabu. Echte Könner definieren sich durch Disziplin, nicht durch Rücksichtslosigkeit.
  4. Kommunikation in der Gruppe: Besprich die Route und die Schutzzonen klar mit allen Gruppenmitgliedern. Stellt sicher, dass alle das gleiche Verständnis und Commitment haben. Eine Gruppe ist nur so stark wie ihr schwächstes Glied.
  5. Nachbereitung und Lernen: Analysiere nach der Tour nicht nur, wo die Schneebedingungen gut waren, sondern auch, ob deine Planung bezüglich der Wildruhezonen korrekt war und du sie respektiert hast.

Glocken und Marsch: Ist der Alpabzug Stress oder Freude für die Tiere?

Ein geschmückter Alpabzug ist ein beeindruckendes Schauspiel und eine wichtige Tradition. Die Kühe, die ins Tal ziehen, sind Nutztiere. Sie sind an Menschen, Lärm und Transport gewöhnt. Über den Winter stehen sie in einem warmen Stall und erhalten Futter. Ihre Situation ist in keiner Weise mit der eines Wildtieres vergleichbar. Eine Gämse, ein Hirsch oder ein Steinbock muss den Winter ohne menschliche Hilfe überstehen. Ihre einzige Strategie ist, radikal Energie zu sparen. Dafür haben sie über den Sommer Fettpolster angelegt, die bis zu einem Fünftel ihres Körpergewichts ausmachen können.

Um mit dieser begrenzten Energie bis zum Frühling durchzukommen, verfallen sie in eine Art Winterlethargie. Sie verharren oft tagelang fast unbeweglich an geschützten Orten. Ihr Stoffwechsel und ihre Herzfrequenz sind stark reduziert. Das Winterfell einer Gämse ist so perfekt isolierend, dass Schnee stundenlang auf ihrem Rücken liegen bleiben kann, ohne zu schmelzen. Dieses Bild der scheinbaren Ruhe ist in Wahrheit ein hochsensibler Überlebensmodus. Jede Störung, die sie aus diesem Zustand reisst, ist ein massiver Eingriff in ihren Energiehaushalt.

Wildtiere müssen im Winter haushälterisch mit ihrer Energie umgehen. Eine Flucht aufgrund einer Störung hat einen erhöhten Energiebedarf zur Folge, der im schlimmsten Fall zum Tod führen kann.

– Bundesamt für Umwelt BAFU, FAQ Wildruhezonen Schweiz

Der Vergleich zwischen einem Nutztier beim Alpabzug und einem Wildtier im winterlichen Schutzwald ist daher fundamental falsch. Das eine ist ein begleitetes, versorgtes Tier in einer kontrollierten Umgebung. Das andere ist ein Lebewesen im extremen Überlebenskampf, bei dem jede Kalorie zählt. Dein Respekt vor dieser biologischen Leistung ist der erste Schritt zu einem verantwortungsvollen Verhalten am Berg.

Das Wichtigste in Kürze

  • Das Befahren von Wildruhezonen ist kein Kavaliersdelikt, sondern eine tödliche Bedrohung für Wildtiere, da Flucht im Winter ihren Energiehaushalt zerstört.
  • Wahre Meisterschaft im Freeriden zeigt sich nicht nur in der Lawinenkunde, sondern auch im Respekt vor unsichtbaren Grenzen und dem Verständnis für das Ökosystem.
  • Die Planung einer Tour muss immer zwei Karten umfassen: den Lawinenlagebericht für deine Sicherheit und die Karte der Wildruhezonen für die Sicherheit der Tierwelt.

Wie erkenne ich Lawinengefahr abseits der markierten Piste im Hochgebirge?

Die Lawinengefahr abseits der Piste zu erkennen, ist eine komplexe Fähigkeit, die auf Wissen, Beobachtung und Erfahrung beruht. Es gibt keine einfache Checkliste. Dein wichtigstes Werkzeug ist die präventive Planung. Diese beginnt zu Hause mit dem Studium des Lawinenlageberichts (publiziert vom WSL-Institut für Schnee- und Lawinenforschung SLF). Achte nicht nur auf die Gefahrenstufe, sondern vor allem auf die Beschreibung der Lawinenprobleme (z.B. Triebschnee, Altschnee) und die gefährdeten Höhenlagen und Expositionen.

Im Gelände selbst wird deine Beobachtungsgabe entscheidend. Achte auf Alarmzeichen: frische Lawinen, Rissbildungen in der Schneedecke (sog. „Wumm-Geräusche“) oder frisch gebildeten Triebschnee. Die 3×3-Filtermethode (regional, lokal, zonal) hilft dir, deine Entscheidungen auf verschiedenen Ebenen zu strukturieren. Doch das Erkennen von Lawinengefahr ist nur die eine Hälfte der Expertise. Die andere, ebenso wichtige Hälfte, ist das Erkennen der Schutzbedürfnisse der Natur.

Die Antwort auf die Frage im Titel ist also zweigeteilt. Du erkennst die Gefahr, indem du zwei entscheidende Informationsquellen kombinierst:

  1. Die Karte der Lawinengefahr: Der tagesaktuelle Lawinenlagebericht (slf.ch oder White Risk App) ist deine Basis für die Beurteilung der Schneestabilität.
  2. Die Karte des Lebensraums: Die offiziellen Karten der Wildruhe- und Wildschutzgebiete (z.B. auf map.geo.admin.ch oder kantonalen Portalen) zeigen dir die Tabuzonen.

Ein wahrer Experte im Hochgebirge überlagert diese beiden Karten mental. Eine Route ist erst dann gut, wenn sie auf beiden Karten „grün“ ist – also sowohl lawinensicher als auch respektvoll gegenüber der Natur. Verstösse werden gemäss kantonalen Bestimmungen, wie zum Beispiel den Bussen gemäss Art. 36 der Jagdbetriebsvorschriften, geahndet. Doch die beste Motivation sollte nicht die Angst vor der Strafe sein, sondern der Stolz, ein rundum kompetenter und verantwortungsvoller Bergsportler zu sein.

Deine nächste Abfahrt beginnt nicht am Lift, sondern mit einer umfassenden und respektvollen Planung. Nutze die digitalen Werkzeuge, die dir zur Verfügung stehen, um Routen zu finden, die dir den ersehnten „Flow“ ermöglichen, ohne das fragile Gleichgewicht des winterlichen Lebensraums zu zerstören. Zeige, dass du nicht nur ein guter Fahrer, sondern ein echter Kenner der Berge bist.

Geschrieben von Reto Camenzind, Dr. med. Reto Camenzind ist Facharzt für Allgemeine Innere Medizin und Sportmedizin mit langjähriger Erfahrung als Notarzt bei der REGA. Er ist Experte für das Schweizer Gesundheitswesen, Versicherungsfragen und alpine Sicherheit.