
Das Label „Swiss Made“ ist oft nur eine gesetzliche Mindestanforderung, keine Garantie für traditionelle Handwerkskunst oder 100%ige Schweizer Herkunft.
- Die „Swissness“-Regel verlangt, dass nur 60% der Herstellungskosten einer Uhr in der Schweiz anfallen müssen, was einen erheblichen Spielraum für ausländische Komponenten lässt.
- Der entscheidende Qualitäts- und Preisunterschied liegt oft im Uhrwerk: Ein exklusives Manufakturkaliber ist nicht mit einem industriell gefertigten Standardwerk (ETA/Sellita) vergleichbar.
Empfehlung: Fragen Sie beim Kauf gezielt nach dem Anteil der Schweizer Wertschöpfung und der Herkunft des Uhrwerks (Manufaktur oder Zukauf), um den wahren Wert der Uhr zu beurteilen.
Der Kauf einer Schweizer Uhr ist für viele eine emotionale Entscheidung, eine Investition in Präzision, Langlebigkeit und ein Stück Tradition. Man hält Ausschau nach dem kleinen, aber bedeutungsvollen Schriftzug „Swiss Made“ auf dem Zifferblatt, der als universelles Gütesiegel verstanden wird. Er verspricht Qualität und rechtfertigt einen höheren Preis, denn Konsumenten sind bereit, für das Prestige und die vermeintliche Sicherheit dieses Labels tief in die Tasche zu greifen. Die allgemeine Annahme ist klar: Wo „Swiss Made“ draufsteht, ist auch ausschliesslich Schweizer Handwerkskunst drin.
Doch was, wenn dieses Label nur die halbe Wahrheit erzählt? Was, wenn die gesetzlichen Vorgaben, die als „Swissness“ bekannt sind, eher eine wirtschaftlich pragmatische Untergrenze definieren als ein kompromissloses Qualitätsversprechen? Die Realität ist komplexer, als es der makellose Ruf vermuten lässt. Es gibt einen grossen Unterschied zwischen einer Uhr, die gerade so die gesetzlichen Kriterien erfüllt, und einer, die das Ergebnis jahrhundertealter Uhrmachertradition aus dem Jura ist. Für einen Konsumenten, der bereit ist, mehr zu zahlen, aber eine Mogelpackung vermeiden will, ist es entscheidend, nicht blind dem Label zu vertrauen, sondern die richtigen Fragen zu stellen.
Dieser Artikel dient Ihnen als Qualitätsmanager für Ihre nächste Kaufentscheidung. Wir entschlüsseln, was die „Swiss Made“-Gesetzgebung wirklich bedeutet, wo ihre Lücken liegen und woran Sie echte handwerkliche Exzellenz erkennen. Sie werden lernen, die Spreu vom Weizen zu trennen und eine Uhr nicht nur nach ihrem Label, sondern nach ihrem wahren Wert zu beurteilen.
Um Ihnen einen klaren Überblick über die entscheidenden Aspekte zu geben, die den wahren Wert einer Schweizer Uhr ausmachen, haben wir die wichtigsten Themen für Sie strukturiert. Der folgende Leitfaden führt Sie durch die Komplexität der „Swissness“-Regelungen bis hin zu den Merkmalen, die ein echtes Sammlerstück definieren.
Inhaltsverzeichnis: Was „Swiss Made“ wirklich bedeutet
- Warum darf ein Produkt „Swiss Made“ heissen, auch wenn Rohstoffe aus dem Ausland kommen?
- Wie finde ich Handwerker, die noch traditionelle Scherenschnitte oder Töpferwaren herstellen?
- Handgefertigt oder maschinell: Rechtfertigt der Preisunterschied die Qualität wirklich?
- Der Fehler, Souvenirs mit Schweizer Kreuz zu kaufen, die in Asien produziert wurden
- Wann sterben alte Handwerksberufe aus, wenn kein Nachwuchs gefunden wird?
- Eigenes Werk oder Zukauf: Was macht eine Uhr zum wirklichen Sammlerstück?
- Das Risiko bei Einzelfirmen, das zu hohen Nachzahlungen bei der AHV führt
- Warum kostet eine mechanische Uhr 10’000 Franken, wenn das Material nur 500 wert ist?
Warum darf ein Produkt „Swiss Made“ heissen, auch wenn Rohstoffe aus dem Ausland kommen?
Die zentrale Frage, die viele Käufer beschäftigt, ist, wie „schweizerisch“ eine Schweizer Uhr tatsächlich sein muss. Die Antwort liegt in der sogenannten „Swissness“-Gesetzgebung, die seit 2017 in verschärfter Form gilt. Entgegen der Annahme, dass 100% der Teile und Arbeit aus der Schweiz stammen müssen, ist die Realität eine pragmatische, wirtschaftliche Berechnung. Die Kernregel besagt, dass mindestens 60% der Herstellungskosten in der Schweiz anfallen müssen. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass bis zu 40% der Kosten auf ausländische Komponenten und Arbeit entfallen dürfen, ohne dass der Status „Swiss Made“ verloren geht.
Diese Regelung ist ein Kompromiss. Sie soll die Marke „Schweiz“ schützen und ihre hohe Wertschätzung sichern, gleichzeitig aber der globalisierten Produktionsrealität der Uhrenindustrie Rechnung tragen. Viele Komponenten wie Zifferblätter, Zeiger oder Gehäuseteile werden oft kostengünstiger in Asien hergestellt. Solange das Herzstück – das Uhrwerk – schweizerisch ist, die technische Entwicklung in der Schweiz stattfindet und die Endkontrolle im Inland erfolgt, kann die 60%-Hürde erreicht werden. Die wirtschaftliche Bedeutung dieses Labels ist enorm; eine Studie des Eidgenössischen Instituts für Geistiges Eigentum (IGE) bestätigt, dass Konsumenten bereit sind, für eine Schweizer Uhr bis zu 20%, bei mechanischen Modellen sogar bis zu 50% mehr zu bezahlen.
Das „Swiss Made“-Label ist also primär eine ökonomisch definierte Herkunftsangabe, kein Reinheitsgebot. Es sichert einen Mindeststandard an Schweizer Wertschöpfung, lässt aber bewusst Spielraum, den einige Marken mehr ausnutzen als andere. Für den anspruchsvollen Käufer bedeutet das: Das Label ist der Anfang, nicht das Ende der Recherche.
Wie finde ich Handwerker, die noch traditionelle Scherenschnitte oder Töpferwaren herstellen?
Abseits der industriellen Fertigung existiert sie noch, die Welt der wahren Handwerkskunst. Dies gilt nicht nur für traditionelle Künste wie Scherenschnitt oder Töpferei, sondern insbesondere für die Haute Horlogerie, die hohe Uhrmacherkunst. Doch wie findet man jene Meister, die ihre Fähigkeiten von Generation zu Generation weitergeben und deren Ateliers im Vallée de Joux oder in den Gassen von Genf verborgen liegen? Der Weg führt weg von den grossen Einzelhandelsketten und hinein in die Nischen der Branche.
Eine gute Anlaufstelle sind Manufakturbesuche. Viele hochpreisige Marken bieten mittlerweile Führungen an, bei denen man den Uhrmachern über die Schulter schauen kann. Dies bietet nicht nur einen Einblick in die filigrane Arbeit, sondern auch die Gewissheit, dass hier weit mehr als nur das gesetzliche Minimum an „Swissness“ praktiziert wird. Ebenso lohnenswert ist die Recherche nach unabhängigen Uhrmachern und kleinen, familiengeführten Marken, die oft auf Fachmessen wie der „Watches and Wonders“ oder in spezialisierten Uhrenforen und Blogs zu finden sind.

Wie die Abbildung zeigt, ist die Atmosphäre in einem traditionellen Atelier von Konzentration und Hingabe geprägt. Regionale Tourismusverbände, insbesondere im Schweizer Jura (dem „Watch Valley“), bieten ebenfalls oft Informationen zu lokalen Handwerksbetrieben und „Tagen der offenen Tür“. Organisationen wie die „Fondation de la Haute Horlogerie“ (FHH) setzen sich für den Erhalt dieses Wissens ein und sind eine exzellente Quelle, um die wahren Koryphäen ihres Fachs zu identifizieren. Der Schlüssel liegt darin, proaktiv zu suchen und sich für die Geschichten hinter der Marke zu interessieren.
Handgefertigt oder maschinell: Rechtfertigt der Preisunterschied die Qualität wirklich?
Die Debatte zwischen „handgefertigt“ und „maschinell“ ist zentral für das Verständnis von Preis und Qualität bei Schweizer Uhren. Eine maschinell gefertigte Uhr kann extrem präzise und zuverlässig sein. Die wahre Handwerkskunst zeigt sich jedoch in den Details, die eine Maschine nicht leisten kann: die manuelle Finissierung eines Uhrwerks, das Polieren von Kanten (Anglierung), das Anbringen von Zierschliffen wie den „Côtes de Genève“ oder die Perlage. Diese Veredelungen haben keinen funktionalen Nutzen, sind aber das Zeugnis höchster Uhrmacherkunst und ein Hauptgrund für den enormen Preisunterschied.
Die gesetzliche 60%-Regel macht hier kaum einen Unterschied. Eine Marke kann die Schwelle mit einem zugekauften, industriell gefertigten Werk und importierten Teilen erreichen, während eine andere Marke 95% ihrer Wertschöpfung in der Schweiz generiert und jedes Werk von Hand veredelt. Beide tragen am Ende dasselbe „Swiss Made“-Label. Genau diese Diskrepanz zwischen gesetzlichem Minimum und handwerklicher Exzellenz kritisieren einige Hersteller scharf.
Fallstudie: H. Moser & Cie.’s Kampf für strengeres „Swiss Made“
Die Manufaktur H. Moser & Cie. ist ein prominentes Beispiel für den Widerstand gegen die als zu lasch empfundene 60%-Regel. Das Unternehmen positioniert sich bewusst mit einer Wertschöpfung von nahezu 100% in der Schweiz und hat provokativ Uhren lanciert, um auf die Problematik aufmerksam zu machen. Eine davon war eine Uhr mit einem Gehäuse aus Schweizer Käse. Damit zeigt H. Moser & Cie. eindrücklich den Graben zwischen dem, was legal als „Swiss Made“ verkauft werden darf, und dem, was uhrmacherische Authentizität wirklich bedeutet. Ihr Engagement unterstreicht die Forderung vieler Puristen, die eine deutliche Verschärfung der Kriterien anstreben, wie sie ursprünglich vom FH-Verband mit 80% für mechanische Uhren gefordert wurde.
Für den Konsumenten bedeutet dies, dass der Preisunterschied oft nicht nur die Qualität der Funktion, sondern vor allem den Grad der menschlichen Handwerkskunst widerspiegelt. Eine Uhr für 2’000 Franken kann ein exzellentes, zuverlässiges Produkt sein. Eine Uhr für 20’000 Franken ist darüber hinaus ein Kunstwerk, dessen Wert in den unzähligen Stunden manueller Arbeit liegt, die für das blosse Auge oft unsichtbar im Inneren verborgen sind.
Der Fehler, Souvenirs mit Schweizer Kreuz zu kaufen, die in Asien produziert wurden
Ein klassischer Fallstrick für Touristen und uninformierte Käufer sind Souvenir-Uhren. Sie tragen oft prominent das Schweizer Kreuz – das fälschlicherweise mit dem „Swiss Made“-Label gleichgesetzt wird – und werden zu verlockend günstigen Preisen angeboten. In Wahrheit handelt es sich hier oft um Produkte, die zwar legal die „Swiss Made“-Kriterien erfüllen, aber qualitativ und handwerklich am untersten Ende des Spektrums angesiedelt sind. Der grösste Teil der Komponenten stammt aus Massenproduktion in Asien, und nur die absolut notwendigen Schritte werden in der Schweiz durchgeführt, um die 60%-Hürde zu nehmen.
Das Schweizer Kreuz selbst ist rechtlich weniger streng geschützt als die Bezeichnung „Swiss Made“. Es darf für Dienstleistungen und Waren verwendet werden, sofern eine Verbindung zur Schweiz besteht. Dies schafft eine gefährliche Grauzone. Man kauft im Glauben, ein Stück authentische Schweiz zu erwerben, und erhält stattdessen ein global produziertes Produkt mit Schweizer „Stempel“. Der wahre Wert solcher Uhren ist oft nur ein Bruchteil des Verkaufspreises und hat nichts mit der traditionellen Uhrmacherkunst zu tun.
Um nicht in diese Falle zu tappen, ist es unerlässlich, über das blosse Label hinauszuschauen und kritische Fragen zu stellen. Der informierte Konsument wird zum Detektiv, der die wahren Qualitäten einer Uhr aufdeckt.
Ihre Checkliste für echten „Swiss Made“-Wert
- Frage nach dem Werk: Handelt es sich um ein Manufakturwerk (von der Marke selbst entwickelt und gebaut) oder um ein zugekauftes Kaliber von Grossherstellern wie ETA oder Sellita?
- Herkunft der Komponenten: Erkundigen Sie sich, woher Gehäuse, Zifferblatt und Zeiger stammen. Transparente Marken geben hierzu Auskunft.
- Ort der Endkontrolle: Fragen Sie, wo die finale Qualitätskontrolle der Uhr stattfindet. Dies muss zwingend in der Schweiz geschehen.
- Anteil der Wertschöpfung: Eine mutige, aber legitime Frage: „Welcher Anteil der Herstellungskosten entfällt auf die Schweiz?“ Eine Marke, die stolz auf ihre hohe Fertigungstiefe ist, wird diese Frage nicht scheuen.
- Zusätzliche Zertifikate: Gibt es weitere Gütesiegel wie das prestigeträchtige „Genfer Siegel“ (Poinçon de Genève) oder eine COSC-Zertifizierung, die auf eine höhere Qualität und Präzision hindeuten?
Diese Fragen helfen Ihnen, die Spreu vom Weizen zu trennen und sicherzustellen, dass Sie für Ihr Geld nicht nur ein Label, sondern echte Substanz erhalten.
Wann sterben alte Handwerksberufe aus, wenn kein Nachwuchs gefunden wird?
Die Sorge um das Aussterben traditioneller Handwerksberufe ist berechtigt, insbesondere in einer hochtechnologisierten Welt. Berufe wie der Emailleur, der Guillocheur oder der Uhrmacher, der auf die Restaurierung antiker Stücke spezialisiert ist, sind selten geworden. Der Mangel an Nachwuchs ist eine reale Bedrohung für das über Jahrhunderte angesammelte Wissen. Doch die Geschichte der Schweizer Uhrenindustrie selbst liefert eine überraschende und hoffnungsvolle Antwort: Krisen führen zu Innovation und sichern so das Überleben der Tradition.
In den 1970er und 1980er Jahren stand die gesamte Branche kurz vor dem Kollaps. Die „Quarzkrise“, ausgelöst durch günstige und präzise Uhren aus Japan, hatte die traditionelle mechanische Uhr fast vollständig verdrängt. Tausende von Arbeitsplätzen gingen verloren, und viele traditionsreiche Manufakturen standen vor dem Aus. Das Handwerk des Uhrmachers schien dem Tode geweiht.
Fallstudie: Die Rettung der Schweizer Uhrenindustrie durch die Swatch
Mitten in dieser tiefsten Krise lag die Schweizer Uhrenindustrie auf dem ‚Sterbebett‘. Die Rettung kam nicht durch ein Festhalten an alten Zöpfen, sondern durch eine radikale Neuerung. Unter der visionären Führung von Nicolas Hayek wurden die beiden grossen, angeschlagenen Uhrenkonzerne ASUAG und SSIH fusioniert und bildeten die Grundlage für die spätere Swatch Group. Die Lancierung der Swatch – einer günstigen, modischen und in der Schweiz produzierten Plastikuhr – war eine Revolution. Sie eroberte den Massenmarkt zurück und generierte die finanziellen Mittel, die es ermöglichten, die traditionsreichen Luxusmarken innerhalb des Konzerns (wie Breguet, Blancpain oder Omega) zu retten und wiederzubeleben. Die Swatch hat paradoxerweise das Überleben der hochkomplexen, traditionellen Uhrmacherkunst gesichert.
Diese Geschichte zeigt, dass alte Handwerksberufe nicht zwangsläufig aussterben, wenn sie sich anpassen und in ein modernes, wirtschaftlich tragfähiges Ökosystem integriert werden. Heute investieren grosse Luxuskonzerne gezielt in die Ausbildung von Spezialisten, um ihr einzigartiges Know-how zu sichern. Das Handwerk überlebt also nicht trotz, sondern oft dank moderner Geschäftsmodelle und industrieller Stärke.
Eigenes Werk oder Zukauf: Was macht eine Uhr zum wirklichen Sammlerstück?
Für Kenner und Sammler liegt der wahre Charakter einer Uhr in ihrem „Motor“ – dem mechanischen Uhrwerk, auch Kaliber genannt. Hier trennt sich die Welt der Uhrmacherei in zwei Lager: Marken, die ihre Werke selbst entwickeln und herstellen (Manufakturen), und solche, die auf bewährte, industriell gefertigte Werke von spezialisierten Herstellern wie ETA oder Sellita zurückgreifen (Einschalungshersteller). Beide Ansätze haben ihre Berechtigung, doch für den Status eines Sammlerstücks ist der Unterschied fundamental.
Ein Manufakturwerk ist ein Ausdruck von Unabhängigkeit, technischem Know-how und Exklusivität. Die Entwicklung eines eigenen Kalibers ist ein extrem kostspieliger und langwieriger Prozess, der die volle Kontrolle über Design, Funktion und Qualität ermöglicht. Es ist die Visitenkarte einer Marke und ein entscheidender Faktor für ihren Prestigewert. Demgegenüber stehen die sogenannten „Ébauches“ oder Rohwerke von ETA (Teil der Swatch Group) und Sellita. Diese Werke sind millionenfach bewährt, robust und präzise – wahre „Traktoren“ der Uhrenindustrie. Sie ermöglichen es auch kleineren Marken, qualitativ hochwertige „Swiss Made“-Uhren zu einem erschwinglichen Preis anzubieten.
Die folgende Tabelle stellt die wesentlichen Unterschiede zwischen den beiden Ansätzen gegenüber und hilft bei der Einordnung des Preis-Leistungs-Verhältnisses.
| Kriterium | ETA/Sellita Basis | Manufakturwerk |
|---|---|---|
| Preis | $600-2500 | $2500+ |
| Verfügbarkeit Ersatzteile | Sehr gut | Markenabhängig |
| Servicekosten | Moderat | Hoch |
| Exklusivität | Gering | Hoch |
Ein zugekauftes Werk ist keine Schande; viele renommierte Marken haben jahrzehntelang auf ETA-Werke gesetzt und sie teilweise selbst veredelt. Für einen Sammler jedoch, der nach Einzigartigkeit und uhrmacherischer Tiefe sucht, führt kaum ein Weg an einem echten Manufakturkaliber vorbei. Es ist der Beweis, dass eine Marke nicht nur Uhren zusammensetzt, sondern Uhrmacherei in ihrer reinsten Form beherrscht.

Die Entscheidung zwischen einem robusten, leicht zu wartenden ETA-Werk und einem exklusiven, aber teureren Manufakturwerk ist letztlich eine persönliche. Sie definiert jedoch massgeblich, ob eine Uhr ein zuverlässiger Alltagsbegleiter oder ein potenzielles Erbstück mit Sammlerwert ist.
Das Risiko bei Einzelfirmen, das zu hohen Nachzahlungen bei der AHV führt
In der Diskussion um den Wert und die Authentizität einer Schweizer Uhr taucht gelegentlich auch das Thema der unternehmerischen Risiken auf, insbesondere bei kleinen, unabhängigen Uhrmachern, die als Einzelfirma agieren. Ein spezifisches Risiko betrifft hierbei die korrekte Abrechnung der Sozialversicherungsbeiträge, allen voran der AHV (Alters- und Hinterlassenenversicherung). Falsch deklarierte Einkommen oder eine fehlerhafte Einstufung als selbstständig oder angestellt können zu empfindlichen Nachzahlungen führen, die für einen kleinen Betrieb existenzbedrohend sein können.
Dieses Thema ist für den Unternehmer von enormer Bedeutung und ein wichtiger Aspekt der Schweizer Wirtschaftslandschaft. Für Sie als Konsument ist dieser Punkt jedoch nur von indirekter Relevanz. Das unternehmerische Risiko eines Herstellers, sei es finanzieller oder administrativer Natur, hat keinen direkten Einfluss auf die Qualität, die Handwerkskunst oder den materiellen Wert des Endprodukts, das Sie in den Händen halten. Eine Uhr von einem unabhängigen Meister, der mit seinen AHV-Beiträgen kämpft, kann handwerklich brillanter sein als das Produkt eines finanzstarken Grosskonzerns.
Es ist daher wichtig, diesen Aspekt zwar als Teil des Ökosystems der Uhrenindustrie zur Kenntnis zu nehmen, ihn aber bei der Beurteilung der Qualität einer Uhr auszuklammern. Die wahren Werttreiber liegen, wie wir gesehen haben, in der Wertschöpfung, der Handwerkskunst und der Markenpositionierung.
Das Wichtigste in Kürze
- Das „Swiss Made“-Label garantiert einen Mindestanteil von 60% Schweizer Wertschöpfung, ist aber kein absolutes Gütesiegel für 100%ige Schweizer Herkunft oder höchste Handwerkskunst.
- Der entscheidende Unterschied in Qualität und Preis liegt oft im Uhrwerk: Ein exklusives, hauseigenes Manufakturkaliber unterscheidet ein Sammlerstück von einer Uhr mit einem industriell gefertigten Standardwerk.
- Der hohe Preis einer Luxusuhr ergibt sich nicht nur aus Material und Arbeit, sondern massgeblich aus Kosten für Forschung und Entwicklung, Markenwert, Marketing und dem Vertriebsnetz.
Warum kostet eine mechanische Uhr 10’000 Franken, wenn das Material nur 500 wert ist?
Diese Frage bringt die Faszination und das Mysterium von Luxusuhren auf den Punkt. Die Annahme, der Preis einer Uhr liesse sich aus der Summe ihrer Einzelteile ableiten, ist ein fundamentaler Trugschluss. Der reine Materialwert von Stahl, Saphirglas und selbst Gold macht oft nur einen kleinen Bruchteil des Endpreises aus. Die wahren Kostenfaktoren liegen woanders und sind grösstenteils unsichtbar.
Ein wesentlicher Teil des Preises fliesst in Forschung und Entwicklung (F&E). Die Konzeption eines neuen Manufakturwerks kann Jahre dauern und Millionen von Franken verschlingen. Seit 2017 dürfen diese F&E-Kosten in die „Swiss Made“-Kalkulation einbezogen werden, was hochqualifizierte Arbeitsplätze in der Schweiz schützt und Innovation fördert. Hinzu kommen die Kosten für die hochpräzisen Fertigungsmaschinen, die für die Herstellung winziger Komponenten mit Toleranzen im Mikrometerbereich erforderlich sind.
Der vielleicht grösste Faktor ist jedoch der immaterielle Markenwert. Jahrzehntelanges Marketing, Sponsoring von Sport- und Kulturevents, die Einrichtung luxuriöser Boutiquen an den teuersten Adressen der Welt – all das baut ein Image von Exklusivität und Begehrlichkeit auf. Eine Marke wie Rolex, die laut Schätzungen von Branchenexperten einen Marktanteil von über 28% hält und Milliardenumsätze generiert, verkauft nicht nur einen Zeitmesser, sondern ein Statussymbol und ein Versprechen von Wertstabilität. Die hohen Margen finanzieren dieses Ökosystem und sichern den exklusiven Charakter der Marke.
Schliesslich dürfen die Kosten für den Vertrieb nicht vergessen werden: Die Gewinnspannen für Gross- und Einzelhändler sind beträchtlich. Wenn Sie also eine Uhr für 10’000 Franken kaufen, erwerben Sie nicht nur Material und Arbeitszeit, sondern finanzieren Innovation, Markenimage und ein globales Vertriebsnetz mit. Der Preis ist somit der Eintritt in einen exklusiven Club, dessen Wert weit über die reine Funktion des Zeitmessens hinausgeht.
Bewaffnet mit diesem Wissen sind Sie nun in der Lage, über den blossen Schein des „Swiss Made“-Labels hinauszublicken. Sie können die richtigen Fragen stellen, die Werttreiber verstehen und eine fundierte Entscheidung treffen, die Ihren persönlichen Ansprüchen an Qualität, Handwerk und Authentizität gerecht wird. Ihre nächste Schweizer Uhr wird so nicht nur ein Kauf, sondern eine bewusste Investition in ein Stück echter Uhrmacherkultur sein.
Häufige Fragen zum Thema Swiss Made Uhren
Warum sind Entwicklungskosten jetzt eingeschlossen?
Seit der Gesetzesrevision von 2017 dürfen Forschungs- und Entwicklungskosten (F&E) in die 60%-Wertschöpfungsregel eingerechnet werden. Diese Änderung wurde vorgenommen, um die hochqualifizierten Arbeitsplätze von Ingenieuren und Designern in der Schweiz zu schützen und zu fördern. Es honoriert die Tatsache, dass ein grosser Teil des Wertes einer modernen Uhr in der vorgelagerten Innovation und Konzeption entsteht, nicht nur in der physischen Montage.
Gilt Swiss Made als Qualitätsgarantie?
„Swiss Made“ ist primär eine gesetzlich geschützte Herkunftsangabe, die bestimmte Mindeststandards für die Produktion in der Schweiz vorschreibt. Es ist eine Garantie für einen gewissen Anteil an Schweizer Wertschöpfung und die Einhaltung von Qualitätskontrollen. Es ist jedoch keine absolute oder abgestufte Qualitätsgarantie. Eine Uhr für 1’000 Franken und eine für 50’000 Franken können beide das Label tragen, obwohl ihre qualitative Ausführung und handwerkliche Tiefe fundamental unterschiedlich sind.