Redaktioneller Arbeitsplatz eines lokalen Blogs in der Schweiz mit digitalen Finanzierungsmodellen
Veröffentlicht am Mai 17, 2024

Die Zukunft des Schweizer Lokaljournalismus hängt nicht von Spenden ab, sondern von der intelligenten Kombination diversifizierter Geschäftsmodelle.

  • Der Einbruch des Werbemarktes und die fortschreitende Medienkonzentration zwingen zur Aufgabe traditioneller Finanzierungswege.
  • Erfolgreiche Modelle setzen auf eine direkte Leserbindung durch Mitgliedschaften, Genossenschaften und klar definierte Nischen-Angebote.

Empfehlung: Analysieren Sie bei der Unterstützung oder Werbeschaltung nicht nur die Reichweite, sondern das zugrundeliegende Geschäftsmodell und dessen Potenzial für redaktionelle Unabhängigkeit.

Der leere Briefkasten am Morgen ist für viele Schweizerinnen und Schweizer zu einem Sinnbild geworden. Wo einst die Lokalzeitung über die letzte Gemeindeversammlung oder das Ergebnis des lokalen Fussballclubs informierte, herrscht heute Stille. Die gängige Erklärung, das Internet sei schuld, greift ökonomisch zu kurz. Vielmehr erleben wir eine tiefgreifende Verschiebung der wirtschaftlichen Grundlagen, die den Lokaljournalismus über Jahrzehnte getragen haben. Dabei wird oft zwischen Lokal- und Regionaljournalismus unterschieden: Ersterer fokussiert auf eine einzelne Gemeinde, während Letzterer eine ganze Region abdeckt. Die ökonomischen Herausforderungen sind für beide gravierend.

Die Debatte verharrt oft bei Appellen zur Unterstützung durch Abonnemente oder Spenden. Doch aus medienökonomischer Sicht ist dies nur ein Teil der Lösung. Das eigentliche Problem liegt in der übermässigen Abhängigkeit von veralteten, singulären Einnahmequellen. Die entscheidende Frage lautet daher nicht nur, *ob* wir für Journalismus bezahlen, sondern *welche Geschäftsmodelle* in der Lage sind, ein robustes und unabhängiges Informations-Ökosystem zu gewährleisten. Die Rettung des Lokaljournalismus ist keine Frage der Spendenbereitschaft, sondern der Entwicklung tragfähiger, diversifizierter Geschäftsmodelle, die den realen ökonomischen Druckfaktoren standhalten.

Dieser Artikel analysiert die wirtschaftlichen Kräfte, die das Mediensterben antreiben, und beleuchtet die innovativen Finanzierungsstrategien, die in der Schweiz bereits erfolgreich umgesetzt werden. Wir werden untersuchen, wie sich die Konzentration der Medienmacht auswirkt, welche alternativen Einnahmequellen existieren und wie sowohl Bürger als auch lokale Unternehmen eine aktive Rolle in der Sicherung eines kritischen und vielfältigen Lokaljournalismus spielen können.

Die folgende Übersicht führt Sie durch die zentralen wirtschaftlichen Aspekte und praktischen Lösungsansätze, die die Zukunft des unabhängigen Journalismus in der Schweiz prägen.

Warum verschwinden immer mehr Lokalzeitungen aus den Schweizer Briefkästen?

Das Verschwinden von Lokalzeitungen ist primär ein ökonomisches Phänomen, das auf zwei Säulen ruht: dem Zusammenbruch des traditionellen Werbemarktes und den steigenden Produktions- und Vertriebskosten. Über Jahrzehnte subventionierte das lokale Gewerbe – von der Autogarage bis zum Supermarkt – durch Inserate einen Grossteil der journalistischen Arbeit. Dieses Modell ist erodiert. Digitale Giganten wie Google und Meta bieten zielgerichtetere und messbarere Werbemöglichkeiten und kanalisieren die Budgets von den lokalen Verlagen ab. Die Stiftung Werbestatistik Schweiz zeigt einen dramatischen Einbruch von -22% der Nettowerbeumsätze allein zwischen 2019 und 2021 bei der Schweizer Presse.

Gleichzeitig explodieren auf der Kostenseite die Ausgaben für physische Produkte. Papierpreise, Druckkosten und insbesondere die Tarife für die Postzustellung belasten die Bilanzen massiv. Diese Kosten fallen unabhängig von der Leserzahl an und treffen kleine Verlage ungleich härter. Währenddessen verlagert sich die Mediennutzung ins Digitale, was die Bereitschaft, für ein gedrucktes Produkt zu zahlen, weiter senkt. Die Folge ist eine toxische Spirale: Sinkende Werbeeinnahmen und steigende Kosten erzwingen Sparmassnahmen, die oft die redaktionelle Qualität betreffen. Eine geringere Qualität führt wiederum zu weniger Abonnenten und geringerer Attraktivität für Werbekunden – der ökonomische Druck verstärkt sich selbst.

Eine Analyse von Avenir Suisse zeigt, dass es zwar einigen kleinen und mittleren Verlagen gelungen ist, ihre Finanzierungsquellen zu diversifizieren. Dennoch mussten viele einen Umsatzrückgang hinnehmen, da die neuen digitalen Einnahmen die Verluste aus dem Print-Geschäft bei weitem nicht kompensieren können. Das Verschwinden der Zeitungen ist also kein Zeichen für mangelndes Informationsbedürfnis, sondern für das Ende eines historisch gewachsenen, aber heute nicht mehr tragfähigen Geschäftsmodells.

Warum berichten alle Regionalblätter plötzlich genau das Gleiche über Bern?

Dieses Phänomen, von Konsumenten oft als „medialer Einheitsbrei“ wahrgenommen, ist eine direkte Folge der fortschreitenden Medienkonzentration in der Schweiz. Grosse Medienhäuser wie die TX Group oder CH Media haben in den letzten Jahren zahlreiche ehemals unabhängige Regional- und Lokalzeitungen übernommen. Aus betriebswirtschaftlicher Sicht ist das Ziel klar: die Realisierung von Synergie-Effizienzen. Anstatt dass jede Zeitung eine eigene Redaktion für nationale Politik, Wirtschaft oder Ausland unterhält, werden diese Inhalte in einer zentralen Mantelredaktion produziert und an alle zugehörigen Titel verteilt. Dies senkt die Personalkosten erheblich.

Die Konsequenzen für die Medienvielfalt sind jedoch gravierend. Eine Studie des Medienqualitätsratings zeigt, dass bei der TX Group mittlerweile fast 46% der nationalen Berichterstattung geteilte Beiträge sind. Der Leser in Thun erhält also exakt denselben Artikel über eine Bundesratssitzung wie der Leser in Winterthur, oft nur mit einem anderen Zeitungskopf darüber. Die redaktionelle Vielfalt – unterschiedliche Perspektiven, Einordnungen und Kommentare zum selben Ereignis – geht verloren. Die kritische Funktion der Medien als „vierte Gewalt“ wird geschwächt, wenn nur noch wenige Stimmen den Diskurs prägen.

Die Chronologie der Schweizer Medienkonzentration im Jahr 2024 verdeutlicht den anhaltenden Konsolidierungsdruck: Während Tamedia zwischen 55 und 90 Redaktionsstellen strich und auch die SRG Personal abbaute, stellte CH Media seine sechs ‚Today‘-Plattformen komplett ein. Dieser Prozess führt nicht nur zu weniger Meinungen, sondern auch zu einer Verarmung der lokalen Berichterstattung. Wenn Ressourcen aus der Peripherie in die Zentren abgezogen werden, bleibt weniger Kapazität für die aufwendige Recherche vor Ort. Was als Effizienzsteigerung beginnt, endet oft in einem Verlust an Relevanz und lokaler Identität für die betroffenen Titel.

Warum geben 30% der Schweizer Startups innerhalb von 3 Jahren wieder auf?

Die hohe Ausfallrate von Startups ist ein bekanntes wirtschaftliches Phänomen, das auf eine Kombination von Faktoren wie unzureichende Marktanalyse, Finanzierungsprobleme und Managementfehler zurückzuführen ist. Im Mediensektor kommen jedoch spezifische, verschärfende Bedingungen hinzu, die journalistische Neugründungen besonders fragil machen. Neben den allgemeinen unternehmerischen Hürden kämpfen sie an einer zweiten Front: der tiefgreifenden Krise des Medienkonsums. Ein Produkt kann noch so gut sein – wenn der Markt dafür schwindet, sind die Erfolgsaussichten gering.

Junges Medien-Startup-Team in einer Krisenbesprechung

Das Forschungszentrum Öffentlichkeit und Gesellschaft (fög) der Universität Zürich meldet hierzu alarmierende Zahlen: Der Anteil der Personen in der Schweiz, die kaum noch Nachrichten konsumieren, hat einen Höchststand erreicht. Eine Umfrage zeigt, dass 46% der Bevölkerung kaum noch Nachrichten konsumieren. Diese wachsende „News-Deprivation“ bedeutet für ein Medien-Startup, dass es nicht nur ein tragfähiges Geschäftsmodell entwickeln, sondern auch aktiv um die schwindende Aufmerksamkeit der potenziellen Kunden kämpfen muss. Das Glaubwürdigkeits-Kapital muss von Grund auf neu erarbeitet werden, während etablierte Marken noch von ihrem Ruf zehren können.

Erfolgsbeispiel trotz Marktdruck: Das Lokalmedium Bajour

Trotz der schwierigen Rahmenbedingungen gibt es Erfolgsgeschichten. Das gemeinnützige Schweizer Lokalmedium Bajour aus Basel ist ein Beispiel für ein Startup, das die Anfangshürden gemeistert hat. Durch einen Mix aus Community-Aufbau, Membership-Modell und gezielter Förderung hat sich Bajour als relevante lokale Stimme etabliert. Das Medium erreicht täglich mehr als 20’000 Menschen und erhielt kürzlich eine signifikante Förderung von 400’000 Euro vom Media Forward Fund. Diese Mittel ermöglichen die Expansion in zehn Vorortgemeinden und zeigen, dass mit einem klaren Konzept und externer Unterstützung auch in einem schwierigen Markt nachhaltiges Wachstum möglich ist.

Das Scheitern vieler Startups, insbesondere im Journalismus, ist also nicht nur ein Zeichen für unternehmerisches Versagen, sondern auch ein Symptom eines Marktes im Umbruch, der neue, widerstandsfähigere Ansätze erfordert, um die doppelte Herausforderung von wirtschaftlicher Tragfähigkeit und schwindendem Publikumsinteresse zu meistern.

Wie unterstütze ich lokalen Journalismus direkt, damit er kritisch bleiben kann?

Die direkte Unterstützung des Lokaljournalismus hat sich von der passiven Rolle des Abonnenten zu einer aktiven Beteiligung am Geschäftsmodell-Portfolio entwickelt. Anstatt nur für ein Endprodukt zu bezahlen, investieren Leserinnen und Leser zunehmend direkt in die journalistische Produktion und ermöglichen so Unabhängigkeit von Werbekunden und Verlagsinteressen. In der Schweiz haben sich verschiedene Modelle etabliert, die eine solche direkte Finanzierung ermöglichen.

Diese neuen Formen der Leserfinanzierung sind mehr als nur ein Ersatz für das klassische Abonnement. Sie schaffen eine engere Bindung zwischen Redaktion und Publikum und stärken das Verantwortungsgefühl auf beiden Seiten. Hier sind die gängigsten Ansätze:

  • Membership-Modelle: Anders als beim Abo, das nur den Zugang zum Inhalt bezahlt, unterstützen Mitglieder die Mission und die Existenz eines Mediums. Bei Bajour in Basel zahlen beispielsweise 3’200 Unterstützer mindestens 40 Franken pro Jahr, was dem Medium stabile Einnahmen sichert.
  • Genossenschaftsmodelle: Hier werden die Leser zu Mitbesitzern. Das nationale Magazin „Republik“ ist als Genossenschaft organisiert. Die Abonnenten sind gleichzeitig Verleger und haben ein Mitspracherecht, was eine strukturelle Unabhängigkeit von externen Investoren garantiert.
  • Crowdfunding für spezifische Recherchen: Plattformen wie „Wemakeit“ ermöglichen es Redaktionen, für aufwendige investigative Projekte gezielt Geld zu sammeln. Leser finanzieren so direkt die Geschichten, die sie für wichtig halten. Dies hat sich bei Projekten von Tsüri.ch oder Bajour bewährt.
  • Spenden und Gönnerschaften: Viele unabhängige Blogs und Medien bieten die Möglichkeit, ihre Arbeit durch einmalige oder regelmässige Spenden zu unterstützen, oft steuerlich absetzbar, wenn sie als gemeinnützige Vereine organisiert sind.

Die enorme Kraft dieser direkten Finanzierungsmodelle wurde eindrücklich beim Start der „Republik“ sichtbar. Das ambitionierte Ziel, 750’000 Franken Startkapital zu sammeln, wurde in einer Rekordzeit erreicht. Wie das Medium selbst festhält, erreichte das Crowdfunding der Republik sein Ziel in nur 7 Stunden und 49 Minuten, ein starkes Signal für den Bedarf an unabhängigem Journalismus.

Wie bleibe ich über Gemeindeentscheide informiert, wenn keine Lokalzeitung mehr existiert?

Das Verschwinden der Lokalzeitung hinterlässt eine gefährliche Informationslücke in der kommunalen Demokratie. Ohne eine Instanz, die Traktandenlisten von Gemeindeversammlungen übersetzt, Debatten einordnet und Entscheide kritisch hinterfragt, sinkt die politische Partizipation. Doch das Informations-Ökosystem einer Gemeinde besteht aus mehr als nur der Zeitung. Bürgerinnen und Bürger müssen proaktiver werden und alternative Quellen nutzen, um informiert zu bleiben.

Die erste Anlaufstelle ist die Verwaltung selbst. Viele Gemeinden haben ihre digitale Kommunikation in den letzten Jahren professionalisiert. Es lohnt sich, die folgenden offiziellen und inoffiziellen Kanäle zu prüfen:

  • Offizielle Gemeinde-Websites: Hier werden Protokolle von Gemeinde- und Parlamentssitzungen, Traktandenlisten, Abstimmungserläuterungen und amtliche Mitteilungen publiziert. Ein regelmässiger Besuch ist Pflicht.
  • Newsletter lokaler Parteisektionen: Politische Parteien informieren ihre Mitglieder und Sympathisanten oft detailliert und aus erster Hand über ihre Positionen zu anstehenden Geschäften.
  • Digitale Lokalmedien und Newsletter: Initiativen wie das „Basel Briefing“ von Bajour, das gratis an 4’500 Leserinnen und Leser verschickt wird, fassen die wichtigsten lokalen Ereignisse zusammen und schliessen so gezielt Informationslücken.
  • Soziale Medien (mit Vorsicht): Lokale Facebook-Gruppen oder WhatsApp-Kanäle können schnelle Informationsquellen sein. Hier ist jedoch äusserste Vorsicht geboten, da Fakten und Meinungen oft ungetrennt und ohne journalistische Prüfung verbreitet werden.

Die Medienexpertin Stephanie Grubenmann betont in einer Studie zum Lokaljournalismus die Dringlichkeit, neue Wege zu finden, und unterstreicht damit die Notwendigkeit dieser Eigeninitiative:

Das Bedürfnis nach qualitativer Information, gerade im Lokalen, ist durch die aktuellen Krisen gestiegen. Für das Überleben des Lokaljournalismus in der Schweiz sind jetzt ergänzende Formen der Medienförderung notwendig.

– Stephanie Grubenmann, Medienexpertin, Studie Lokaljournalismus

Letztlich bedeutet der Wegfall der Lokalzeitung eine Verlagerung der Verantwortung: vom passiven Medienkonsumenten hin zum aktiven Informationssucher, der verschiedene Quellen kritisch abwägen und kombinieren muss, um sich ein vollständiges Bild der lokalen Politik zu machen.

Diese aktive Informationssuche ist ein fundamentaler Baustein, um auch ohne traditionelle Medien am demokratischen Prozess teilzuhaben.

E-Paper oder gedruckte Zeitung: Was lohnt sich für den morgendlichen Pendler?

Die Frage, ob das E-Paper oder die gedruckte Zeitung die bessere Wahl ist, lässt sich aus zwei Perspektiven analysieren: aus Sicht des Nutzers und aus Sicht des Verlags. Für den Pendler im morgendlichen Zug bietet die digitale Version klare Vorteile: Aktualität, einfacher Transport und oft der Zugriff auf Archive und multimediale Inhalte. Das Rascheln der Zeitungsseite weicht dem leisen Wischen auf dem Tablet.

Pendler mit Tablet in einem Schweizer Zug beim Lesen der Morgennachrichten

Aus medienökonomischer Sicht ist die Antwort noch eindeutiger. Die Kostenstruktur beider Formate unterscheidet sich fundamental. Die gedruckte Zeitung ist ein betriebswirtschaftlicher Anachronismus mit extrem hohen variablen Kosten für Druck und physischen Vertrieb. Das E-Paper hingegen hat, einmal aufgesetzt, nur noch geringe Grenzkosten für jeden zusätzlichen Leser. Jeder neue Digital-Abonnent verbessert die Marge des Verlags direkt, während jeder Print-Abonnent weiterhin hohe Kosten verursacht. Diese ökonomische Realität ist der Hauptgrund, warum Verlage massiv in den Ausbau ihrer digitalen Angebote investieren und versuchen, ihre Print-Leser zur Konversion zu bewegen.

Die folgende Tabelle, basierend auf allgemeinen Markttrends und Daten, verdeutlicht die unterschiedliche wirtschaftliche Dynamik der Medienformate in der Schweiz. Wie Daten von Statista zeigen, nutzen bereits 4,5 Millionen Menschen in der Schweiz täglich digitale Nachrichtenangebote, was den unaufhaltsamen Trend unterstreicht.

Kostenstruktur Print vs. Digital für Verlage
Medium Tägliche Nutzer 2024 Werbeerlöse-Trend Produktionskosten
Digitale Nachrichten 4,5 Millionen Steigend Niedrig (Serverkosten)
Print-Zeitungen k.A. Sinkend (-22% 2019-2021) Hoch (Druck, Vertrieb)
E-Paper Wachsend Moderat Mittel

Für den Pendler mag die Wahl eine Frage der Gewohnheit sein. Für den Verlag ist sie eine des Überlebens. Die Unterstützung eines Mediums durch ein E-Paper-Abonnement ist aus wirtschaftlicher Sicht deutlich nachhaltiger und trägt direkter zur Finanzierung des Journalismus bei, da ein grösserer Teil des Abopreises für die Inhalte statt für Druck und Logistik verwendet werden kann.

Der Fehler, PR-Texte im Lokalblatt für neutrale Berichterstattung zu halten

In einer Medienlandschaft, die unter massivem ökonomischem Druck steht, verschwimmen die Grenzen zwischen redaktionellen Inhalten und bezahlter Werbung zusehends. Sogenannte „Native Ads“ oder „Sponsored Content“ sind kommerzielle Texte, die bewusst im Erscheinungsbild eines journalistischen Artikels gehalten sind. Für Werbekunden ist dies attraktiv, da die Botschaft vom hohen Glaubwürdigkeits-Kapital des redaktionellen Umfelds profitiert. Für den Leser stellt dies jedoch eine erhebliche Gefahr dar, da die Trennung zwischen unabhängiger Information und interessengesteuerter Kommunikation untergraben wird.

Medienforscher wie Colin Porlezza von der Universität Lugano warnen seit langem vor den Folgen. In einem Beitrag zum Thema unterstreicht er die langfristigen Konsequenzen für die öffentliche Meinungsbildung:

Die kommerzielle und damit eindeutig interessengesteuerte Kommunikation wird massiv zunehmen und die öffentliche Meinungsbildung mittelfristig stark beeinflussen. Ihre Glaubwürdigkeit nimmt ab, das haben empirische Studien gezeigt.

– Colin Porlezza, Medienforscher Universität Zürich

Diese Entwicklung ist besonders im Lokaljournalismus problematisch, wo Redaktionen personell ausgedünnt sind und oft dankbar für „fertig gelieferte“ Texte von Vereinen oder Unternehmen sind. Als kritischer Medienkonsument oder als Gewerbetreibender, der überlegt, solche Formate zu buchen, ist es entscheidend, diese Texte erkennen und einordnen zu können. Der Schweizer Presserat hat hierzu klare Richtlinien, die jedoch oft kreativ umgangen werden.

Checkliste: So erkennen Sie PR-Texte

  1. Optische Kennzeichnung prüfen: Eine explizite Deklaration als „Werbung“ ist gemäss Presserat nur nötig, wenn der Beitrag nicht schon durch Layout und Schriftart eindeutig als kommerziell erkennbar ist. Achten Sie auf subtile Hinweise wie andere Schriften oder Rahmen.
  2. Wortgebilde hinterfragen: Formulierungen wie „In Kooperation mit“, „Sponsored Content“ oder „Presented by“ sind Verschleierungen. Wenn es sich um bezahlten Inhalt handelt, müsste fairerweise „Werbung“ oder „Anzeige“ darüberstehen.
  3. Schreibperspektive analysieren: Echte journalistische Texte wägen ab, zitieren verschiedene Quellen und benennen Probleme. PR-Texte sind oft übermässig positiv, verwenden Superlative und präsentieren nur die Sichtweise des werbenden Unternehmens.
  4. Absender und Zitate prüfen: Wer kommt im Text zu Wort? Wenn ausschliesslich Mitarbeiter des Unternehmens oder „begeisterte Kunden“ zitiert werden, ist das ein starkes Indiz für einen PR-Text.
  5. Platzierung beachten: „Native Advertising“ ist dann am erfolgreichsten, wenn es im Strom der redaktionellen Beiträge nicht auffällt. Misstrauen ist geboten, wenn ein vermeintlicher Artikel über ein Produkt plötzlich in der „Meistgelesen“-Liste auftaucht.

Die Fähigkeit, diese Formate zu dechiffrieren, ist eine Kernkompetenz für mündige Mediennutzer und eine ethische Abwägung für jeden Werbetreibenden.

Das Wichtigste in Kürze

  • Die Krise des Lokaljournalismus ist ökonomisch: Sie wird durch den Kollaps des Werbemarktes und die Konzentration der Medienmacht angetrieben, nicht durch mangelnden Informationsbedarf.
  • Tragfähige Zukunftsmodelle basieren auf einem diversifizierten Geschäftsmodell-Portfolio, das die direkte Leserfinanzierung (Mitgliedschaft, Crowdfunding) in den Mittelpunkt stellt.
  • Unabhängigkeit ist ein wirtschaftlicher Faktor: Nur Medien, die ihr Glaubwürdigkeits-Kapital schützen und nicht von einzelnen Werbekunden oder politischen Interessen abhängig sind, können langfristig überleben.

Wie schreibe ich als Vereinspräsident einen Bericht, der wirklich abgedruckt wird?

Für Vereine, Kulturschaffende und lokale Organisationen ist die Präsenz in der Lokalzeitung oft entscheidend für die öffentliche Wahrnehmung. Doch mit schrumpfenden Redaktionen wird der Platz rarer und der Kampf um Aufmerksamkeit härter. Viele eingesandte Berichte landen ungelesen im Papierkorb, weil sie die grundlegenden Bedürfnisse einer Redaktion ignorieren. Der Schlüssel zum Erfolg liegt darin, die Perspektive zu wechseln: Denken Sie nicht wie ein Vereinspräsident, der informieren will, sondern wie ein Journalist, der eine relevante Geschichte für seine Leserschaft sucht.

Journalisten stehen unter permanentem Zeitdruck. Sie sind keine „Abdruck-Automaten“ für Vereinsnachrichten, sondern Kuratoren von Inhalten. Ein Bericht hat eine ungleich höhere Chance, berücksichtigt zu werden, wenn er der Redaktion Arbeit abnimmt und gleichzeitig einen Mehrwert für ein breiteres Publikum bietet. Wie eine Agentur für Pressearbeit treffend bemerkt, ist eine gute Vorbereitung entscheidend:

Als erfahrene Journalisten wissen wir, worauf es bei der Pressearbeit ankommt: Mit einer interessanten Medienmitteilung bringen Sie sich bei den Redaktionen in eine gute Position.

– meinetexter.ch, PR & Advertorials

Um diese „gute Position“ zu erreichen, sollten Sie die folgenden strategischen Punkte beachten, die über den reinen Inhalt hinausgehen:

  • Den menschlichen Aspekt betonen: Statt der trockenen Überschrift „Generalversammlung des Turnvereins“ wählen Sie einen emotionalen, menschlichen Aufhänger. Beispiel: „Mit 92 Jahren noch am Barren: Die älteste Turnerin des Kantons an der GV geehrt“. Geschichten über Menschen sind interessanter als Protokolle.
  • Mundgerechte Texte liefern: Bieten Sie der Redaktion Optionen an. Liefern Sie eine Kurz- (500 Zeichen), eine Mittel- (1500 Zeichen) und eine Langversion (3000 Zeichen) des Berichts. Fügen Sie zudem 2-3 alternative Titelvorschläge und bereits fertig formulierte Bildlegenden für Ihre Fotos bei.
  • Hochauflösendes Bildmaterial bereitstellen: Ein gutes Foto ist oft der Türöffner. Senden Sie 2-3 professionell wirkende Bilder in hoher Auflösung als separaten Anhang (nicht in die Word-Datei eingefügt) und nennen Sie den Fotografen für die Credits.
  • Timing und Exklusivität beachten: Kennen Sie den Redaktionsschluss (Bouclage) der Lokalzeitung? Senden Sie Ihren Bericht mit genügend Vorlauf. Falls möglich, bieten Sie die Geschichte einer Zeitung exklusiv an – das erhöht den Wert.
  • Instrumentalisierung vermeiden: Die plump formulierte Erwartung einer positiven Berichterstattung ist der sicherste Weg, ignoriert zu werden. Journalisten reagieren allergisch auf den Versuch, sie als Werbeinstrument zu benutzen. Ihre Aufgabe ist die Berichterstattung, nicht die Promotion.

Ein gut aufbereiteter Vereinsbericht, der eine interessante Geschichte erzählt, ist keine lästige Pflicht, sondern eine professionelle Dienstleistung an die unterbesetzte Lokalredaktion – und die beste Garantie für eine Veröffentlichung.

Geschrieben von Thomas Hirschi, Thomas Hirschi ist ein erfahrener Wirtschaftsökonom und Finanzanalyst, spezialisiert auf die Schweizer KMU-Landschaft und Makroökonomie. Er berät Startups und Traditionsunternehmen in Fragen der Standortförderung, Finanzierung und Währungsstrategie.