
Der Fokus auf die tiefste Steuerrate ist der häufigste Fehler bei der Standortwahl in der Schweiz.
- Erfolgreiche Start-ups nutzen strategisch ganze Ökosysteme aus Talent, Forschung und Zulieferern.
- Talentzugang und administrative Unterstützung sind oft wertvoller als reine Steuerprozente.
Empfehlung: Evaluieren Sie Standorte basierend auf ihrem gesamten Wertversprechen, nicht nur auf der Steuerbelastung.
Als Gründer stehen Sie vor einer entscheidenden Weiche: der Wahl des richtigen Standorts für Ihr Unternehmen in der Schweiz. Die Versuchung ist gross, eine Excel-Tabelle zu öffnen und die Kantone rein nach ihrer Steuerbelastung zu sortieren. Der Name „Zug“ leuchtet sofort auf, während andere Regionen vermeintlich ins Hintertreffen geraten. Dieser rein quantitative Ansatz ist verständlich, doch er übersieht die dynamischste und wertvollste Komponente des Erfolgs: das Ökosystem.
Die Debatte „niedrige Steuern gegen hohe Mieten“ ist nur die Oberfläche einer viel tieferen strategischen Entscheidung. Was nützt die schönste Steuerersparnis, wenn Sie monatelang auf eine Baubewilligung warten oder keine qualifizierten Fachkräfte finden? Der wahre Hebel liegt nicht in der isolierten Betrachtung eines einzelnen Kostenfaktors, sondern im Verständnis des Gesamtpakets, das ein Kanton Ihnen bietet – eine Philosophie, die wir als Ökosystem-Denken bezeichnen.
Aber wenn die wahre Stärke nicht allein in den Steuerprozenten liegt, wo dann? Die Antwort ist eine Kombination aus Netzwerkeffekten, dem Zugang zu einer spezifischen Talent-Pipeline und einer proaktiven administrativen Beschleunigung. Dieser Leitfaden bricht mit der traditionellen Sichtweise und zeigt Ihnen, wie Sie die „versteckten Champions“ unter den Schweizer Standorten identifizieren und deren einzigartige Vorteile für ein nachhaltiges Wachstum nutzen. Wir analysieren, warum Branchencluster wichtiger sind als Adressschilder, wie Sie staatliche Förderung als strategischen Hebel einsetzen und warum grosse Konzerne trotz hoher Löhne gezielt in die Schweiz ziehen.
Die folgende Übersicht führt Sie durch die entscheidenden strategischen Überlegungen, die über den reinen Steuervergleich hinausgehen. Jeder Abschnitt beleuchtet einen kritischen Aspekt, der Ihnen hilft, eine fundierte und zukunftssichere Standortentscheidung für Ihr Unternehmen zu treffen.
Inhaltsverzeichnis: Der strategische Leitfaden zur Standortwahl für Gründer
- Warum siedeln sich MedTech-Firmen bevorzugt im gleichen Tal an?
- Wie beantrage ich kantonale Innovationsschecks für mein erstes Prototyping?
- Niedrige Steuern oder günstige Mieten: Was wiegt für ein Start-up schwerer?
- Der Fehler, nur auf die Steuern zu schauen und die Fachkräfteverfügbarkeit zu ignorieren
- Wie beschleunige ich Bewilligungsverfahren durch frühzeitigen Kontakt zur Standortförderung?
- Warum ist das Schweizer Kündigungsrecht flexibler als in Frankreich oder Deutschland?
- Wann genau muss ich mich zwingend bei der MWST anmelden, um Bussen zu vermeiden?
- Warum verlegen Biotech-Riesen ihren Hauptsitz trotz hoher Löhne in die Schweiz?
Warum siedeln sich MedTech-Firmen bevorzugt im gleichen Tal an?
Die Antwort auf diese Frage ist der beste Beweis für die Kraft des Ökosystem-Denkens. Während ein isoliertes Unternehmen in einem Tiefsteuerkanton vielleicht kurzfristig Kosten spart, profitiert ein Unternehmen im richtigen Cluster von unbezahlbaren Synergien. Das „Health Valley“ in der Westschweiz ist hierfür das Paradebeispiel. Es ist kein Zufall, dass sich hier ein dichtes Netz aus Forschungsinstituten, spezialisierten Zulieferern, erfahrenen Fachkräften und globalen Konzernen gebildet hat. Diese Konzentration schafft einen Nährboden, den keine Steuererleichterung allein ersetzen kann.
In einem solchen Cluster profitieren Sie von einem Phänomen, das als Wissens-Spillover bekannt ist. Ideen und Innovationen verbreiten sich schneller, sei es durch informelle Gespräche in der Kaffeepause oder durch den Wechsel von Mitarbeitern zwischen Unternehmen. Für ein Start-up bedeutet das: schnellerer Zugang zu marktrelevantem Wissen, potenziellen Partnern und vor allem zu Talenten, die die spezifischen Herausforderungen Ihrer Branche bereits verstehen. Die geografische Nähe senkt die Transaktionskosten für Kooperationen und beschleunigt den Innovationszyklus erheblich.

Wie dieses vernetzte System zeigt, ist die wahre Stärke nicht die Summe der Einzelteile, sondern ihre Interaktion. Die Ansiedlung in einem solchen Tal ist eine strategische Entscheidung für Beschleunigung und Resilienz. Sie werden Teil eines etablierten Netzwerks, was die Kapitalbeschaffung erleichtert und die Glaubwürdigkeit gegenüber internationalen Kunden und Investoren erhöht. Die Frage ist also nicht „Wo sind die Steuern am niedrigsten?“, sondern „Wo ist das Ökosystem, das mein Wachstum am stärksten befeuert?“.
Wie beantrage ich kantonale Innovationsschecks für mein erstes Prototyping?
Innovationsförderung ist weit mehr als nur ein finanzieller Zuschuss; sie ist der erste offizielle Händedruck mit Ihrem zukünftigen Standort. Kantone und der Bund (via Innosuisse) nutzen Instrumente wie Innovationsschecks nicht nur zur Förderung von Ideen, sondern auch, um strategisch passende Unternehmen frühzeitig an sich zu binden. Der Antragsprozess selbst ist eine Lektion darin, wie man den Wert des eigenen Unternehmens für eine Region artikuliert. Es geht nicht darum, um Geld zu bitten, sondern darum, eine Partnerschaft vorzuschlagen.
Der Schlüssel zum Erfolg liegt darin, Ihr Projekt nicht als isoliertes Vorhaben, sondern als Beitrag zur kantonalen Wirtschaftsstrategie zu präsentieren. Ein erfolgreicher Antrag zeigt auf, wie Ihre Innovation die lokale Wirtschaft diversifiziert, hochwertige Arbeitsplätze schafft oder zur Lösung regionaler Herausforderungen beiträgt. Wie Experten betonen, ist die strategische Ausrichtung entscheidend.
Unternehmen müssen ihr Projekt als direkten Beitrag zur kantonalen Wirtschaftsstrategie positionieren, beispielsweise als Lösung für die Digitalisierung im Wallis oder für die Nachhaltigkeitsziele von Graubünden.
– Ahead Zürich, Förder- und Finanzierungsmöglichkeiten für Start-ups & KMU
Dieser Prozess zwingt Sie, Ihr „kantonales Wertversprechen“ zu schärfen. Die Zusammenarbeit mit einer anerkannten Schweizer Hochschule oder Forschungseinrichtung ist dabei oft obligatorisch. Dies ist kein Hindernis, sondern eine Chance: Sie erhalten nicht nur finanzielle Mittel, sondern auch Zugang zu Spitzenforschung und validieren Ihr Konzept durch eine renommierte Institution. Der Scheck selbst, oft für Vorstudien bis zu CHF 15’000, ist somit der Türöffner für ein viel grösseres Netzwerk.
Ihr Aktionsplan zur Beantragung von Innovationsförderung
- Voraussetzungen prüfen: Stellen Sie sicher, dass Ihr Unternehmen die Kriterien erfüllt (z.B. in der Schweiz registriert, weniger als 250 Mitarbeiter).
- Forschungspartner finden: Identifizieren Sie eine passende Hochschule oder Forschungseinrichtung und bauen Sie eine Kooperationsbeziehung auf.
- Kantonales Wertversprechen definieren: Formulieren Sie klar, wie Ihr Projekt die strategischen Ziele des Zielkantons unterstützt.
- Machbarkeitsstudie vorbereiten: Skizzieren Sie den Umfang einer Vorstudie, die durch den Innovationsscheck finanziert werden soll.
- Finanzierung sichern und Antrag einreichen: Dokumentieren Sie Ihre Eigenfinanzierung (oft mind. 30%) und reichen Sie den Antrag über die offiziellen Kanäle (z.B. Innosuisse) ein.
Niedrige Steuern oder günstige Mieten: Was wiegt für ein Start-up schwerer?
Dies ist die klassische Zwickmühle für jeden Gründer. Die Antwort hängt entscheidend von der Phase und dem Geschäftsmodell Ihres Unternehmens ab. Ein profitables Tech-Unternehmen mit hohen Margen wird die Steuerersparnis in Zug stärker gewichten als ein Bootstrap-Start-up, das jeden Franken für die Produktentwicklung benötigt und daher die niedrigen Mietkosten im Jura bevorzugt. Eine aktuelle Analyse zeigt, dass die Mieten in Zug oft doppelt so hoch wie im Jura sind. Die alleinige Betrachtung der Steuern ist daher trügerisch.
Die folgende Tabelle zeigt, wie unterschiedlich die Gesamtrechnung ausfallen kann. Ein Kanton wie Uri mag auf dem Papier eine höhere Steuerbelastung als Zug haben, aber die massiv geringeren Lebenshaltungs- und Mietkosten können diesen Nachteil für ein junges, noch nicht hochprofitables Unternehmen mehr als ausgleichen. Es geht um den Nettoeffekt auf Ihre Liquidität in den kritischen ersten Jahren.
| Kanton | Effektive Steuerbelastung | Mietkosten-Index | Gesamtbewertung für Startups |
|---|---|---|---|
| Zug | 11,80% | Sehr hoch (200%) | Gut für profitable Unternehmen |
| Uri | 15,11% | Niedrig (60%) | Ideal für Anfangsphase |
| Appenzell I.Rh. | 14,16% | Mittel (80%) | Ausgewogen |
| Jura | Höher | Sehr niedrig (50%) | Optimal für Bootstrap-Startups |
Diese Zahlen illustrieren, dass es keine universell „beste“ Wahl gibt. Die strategische Entscheidung erfordert eine ehrliche Einschätzung Ihrer kurz- und mittelfristigen Profitabilität. Für viele Start-ups ist Cashflow in den ersten 24 Monaten überlebenswichtiger als die Gewinnoptimierung nach Steuern. Ein Standort in einer Randregion kann den „Runway“, also die Zeit, bis das Geld ausgeht, erheblich verlängern.

Das Bild des Gründers, der zwischen urbanem Puls und ländlicher Weite abwägt, ist treffend. Die Entscheidung ist nicht nur finanziell, sondern auch kulturell. Eine Randregion bietet oft eine höhere Lebensqualität und eine engere Gemeinschaft, was wiederum die Mitarbeiterbindung stärken kann – ein Faktor, der in keiner Excel-Tabelle auftaucht.
Der Fehler, nur auf die Steuern zu schauen und die Fachkräfteverfügbarkeit zu ignorieren
Die attraktivste Steuerrate nützt nichts, wenn Sie die Talente nicht finden, die Ihr Produkt entwickeln und verkaufen. Dies ist der wohl am häufigsten unterschätzte Aspekt bei der Standortwahl. Grosse urbane Zentren wie Zürich oder Genf locken mit einem riesigen Talentpool, aber auch mit hohem Wettbewerb und entsprechenden Gehältern. Randregionen scheinen hier auf den ersten Blick im Nachteil zu sein, doch innovative Unternehmen haben längst Wege gefunden, diesen vermeintlichen Nachteil in einen Vorteil zu verwandeln.
Die Lösung liegt oft in einer hybriden Strategie und dem Aufbau einer dedizierten Talent-Pipeline. Anstatt passiv auf Bewerbungen zu warten, kooperieren kluge Unternehmen aktiv mit lokalen Hochschulen wie der HES-SO Valais-Wallis oder der FHS St. Gallen. Sie gestalten Curricula mit, bieten Praktika an und binden so die besten Absolventen, bevor diese überhaupt auf den nationalen Arbeitsmarkt kommen. Dies schafft eine loyale und kosteneffiziente Personalbasis.
Fallbeispiel: Remote-First-Modell in Schweizer Randregionen
Unternehmen in Kantonen wie Uri oder Glarus beweisen, dass man das Beste aus beiden Welten kombinieren kann. Sie registrieren ihre Firma in einem Tiefsteuerkanton, bauen aber ein schweizweit verteiltes Team auf. Um Top-Talente aus den Städten anzulocken, bieten sie mehr als nur Gehalt: flexible Arbeitsmodelle, grosszügige Mitarbeiterbeteiligungen und als einzigartigen Bonus die Nähe zur Natur. Sie unterstützen aktiv bei der Wohnungssuche und schaffen eine Unternehmenskultur, die auf Vertrauen und Ergebnissen basiert, nicht auf physischer Präsenz.
Dieses Beispiel zeigt: Der Zugang zu Fachkräften ist keine Frage des Standorts mehr, sondern eine Frage der Attraktivität als Arbeitgeber. Benefits, die über das Finanzielle hinausgehen – wie eine bessere Work-Life-Balance, die Möglichkeit zum Skifahren in der Mittagspause oder die Beteiligung am Unternehmenserfolg – werden zu entscheidenden Argumenten im „War for Talent“. Ein Sitz in einer Randregion kann so vom Nachteil zum Alleinstellungsmerkmal werden.
Wie beschleunige ich Bewilligungsverfahren durch frühzeitigen Kontakt zur Standortförderung?
Zeit ist für ein Start-up die knappste Ressource. Lange, unvorhersehbare Bewilligungsverfahren können ein Projekt um Monate zurückwerfen oder sogar zum Scheitern bringen. Hier liegt einer der grössten, oft übersehenen Vorteile einer Ansiedlung ausserhalb der grossen Ballungszentren: die administrative Beschleunigung durch eine proaktive und gut vernetzte kantonale Standortförderung. In vielen kleineren Kantonen sind die Wege kürzer, die Hierarchien flacher und der persönliche Kontakt zu den Entscheidungsträgern direkter.
Die Standortförderung ist nicht nur eine passive Informationsstelle, sondern Ihr erster und wichtigster strategischer Partner im Kanton. Ihre Aufgabe ist es, attraktive Unternehmen anzusiedeln und ihnen den Weg zu ebnen. Ein frühzeitiger und gut vorbereiteter Kontakt kann Türen öffnen, die sonst verschlossen blieben. Die Standortförderung agiert dabei als Ihr interner Wegbereiter und Koordinator.
Die Rolle der Standortförderung wird oft als die eines internen Fürsprechers beschrieben, der die komplexen Abstimmungsprozesse für das Unternehmen steuert. In einer Publikation zur Innovationsförderung wird diese Funktion treffend beschrieben: Die Standortförderung fungiert als interner „Lobbyist“, der die Koordination zwischen Bau-, Umwelt- und Wirtschaftsamt für das Unternehmen übernimmt. Dies reduziert nicht nur den administrativen Aufwand für Sie als Gründer, sondern minimiert auch das Risiko von unliebsamen Überraschungen und Verzögerungen.
Um diesen Vorteil maximal zu nutzen, sollten Sie das Erstgespräch nicht als Bittsteller, sondern als Partner vorbereiten. Präsentieren Sie ein klares „kantonales Wertversprechen“: Wie viele Arbeitsplätze planen Sie? Wie tragen Sie zur lokalen Wirtschaftsstruktur bei? Welchen konkreten Unterstützungsbedarf haben Sie? Je professioneller Ihr Auftritt, desto engagierter wird die Standortförderung für Ihr Anliegen eintreten.
Warum ist das Schweizer Kündigungsrecht flexibler als in Frankreich oder Deutschland?
Die strategische Flexibilität eines Unternehmens hängt massgeblich vom regulatorischen Umfeld ab. Das Schweizer Arbeitsrecht bietet hier, im Vergleich zu seinen Nachbarländern, einen entscheidenden Vorteil für Start-ups: die Kündigungsfreiheit. Dieses Prinzip erlaubt es beiden Parteien – Arbeitgeber und Arbeitnehmer – das Arbeitsverhältnis unter Einhaltung der vertraglichen oder gesetzlichen Fristen ohne Angabe von Gründen zu beenden. Ein Kündigungsschutz wie in Deutschland, der betriebs-, verhaltens- oder personenbedingte Gründe erfordert, existiert in dieser Form nicht.
Für ein Start-up ist diese Flexibilität ein wertvolles Instrument des Risikomanagements. In einer frühen Phase, in der sich Märkte schnell ändern und Finanzierungsrunden unsicher sein können, ermöglicht das liberale Kündigungsrecht eine schnelle Anpassung der Personalstruktur. Es erlaubt, auf eine gescheiterte Produktlinie oder eine unerwartete Marktveränderung zu reagieren, ohne hohe Abfindungskosten oder langwierige rechtliche Auseinandersetzungen zu fürchten. Dies senkt die Hemmschwelle für Neueinstellungen und fördert somit das Wachstum.
Fallbeispiel: Flexibilität als Vertrauensbasis
Entgegen der Befürchtung, dass diese Flexibilität zu einer Hire-and-Fire-Kultur führt, ist in der Schweiz oft das Gegenteil der Fall. Besonders in kleineren Gemeinden und in Unternehmen mit einer starken Kultur basiert die Mitarbeiterloyalität weniger auf dem Gesetzestext als auf gegenseitigem Vertrauen und Respekt. Die Kündigungsfreiheit wird als fair empfunden, da sie für beide Seiten gilt. Dies führt zu einer erwachseneren Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Beziehung, in der Leistung und Engagement im Vordergrund stehen, nicht die rechtliche Absicherung.
Diese rechtliche Rahmenbedingung ist ein fundamentaler, aber oft unterschätzter Standortvorteil der Schweiz. Sie gibt Gründern die nötige Agilität, um in einem volatilen Umfeld zu bestehen und schnell auf Chancen und Risiken zu reagieren. Es ist ein System, das auf Eigenverantwortung und Partnerschaft setzt – Werte, die tief in der Schweizer Unternehmenskultur verankert sind.
Wann genau muss ich mich zwingend bei der MWST anmelden, um Bussen zu vermeiden?
Die Mehrwertsteuer (MWST) ist ein zentrales Thema für jedes wachsende Unternehmen. Ein Versäumnis bei der Anmeldung kann zu empfindlichen Bussen und Nachzahlungen führen. Die Regel in der Schweiz ist klar und einfach zu merken: Die obligatorische MWST-Anmeldung erfolgt ab CHF 100’000 Jahresumsatz. Dieser Schwellenwert gilt für den im Inland erzielten Umsatz. Sobald Sie absehen können, dass Sie diese Grenze innerhalb der nächsten 12 Monate überschreiten werden, müssen Sie sich unaufgefordert bei der Eidgenössischen Steuerverwaltung (ESTV) anmelden.
Doch die MWST-Anmeldung ist nicht nur eine Pflicht, sie kann auch eine strategische Entscheidung sein. Für B2B-Start-ups, die in der Anfangsphase hohe Investitionen tätigen (z.B. in Maschinen, Software oder Beratungsdienstleistungen), kann eine freiwillige Anmeldung unterhalb des Schwellenwerts sinnvoll sein. Der Grund dafür ist der Vorsteuerabzug. Als MWST-pflichtiges Unternehmen können Sie die Mehrwertsteuer, die Ihnen von Ihren Lieferanten in Rechnung gestellt wird, von Ihrer eigenen MWST-Schuld abziehen. Dies kann in der investitionsintensiven Gründungsphase zu einer erheblichen Liquiditätsverbesserung führen.
Bei der strategischen Planung sollten Sie folgende Punkte beachten:
- Vorsteuerabzug: Prüfen Sie, ob eine freiwillige Anmeldung unter CHF 100’000 Umsatz sinnvoll ist, um von Anfang an den Vorsteuerabzug geltend zu machen.
- Spezialregelungen: Beachten Sie besondere Regelungen für bestimmte Branchen, wie z.B. Software-as-a-Service (SaaS), wo der Ort der Dienstleistungserbringung entscheidend ist.
- Export: Klären Sie die Regelungen für grenzüberschreitende Dienstleistungen und Exporte, die oft von der MWST befreit sind, aber dennoch deklariert werden müssen.
- Effiziente Abwicklung: Nutzen Sie von Anfang an Schweizer Buchhaltungssoftware wie Bexio, Abacus oder Klara, die für eine MWST-konforme Abwicklung ausgelegt sind.
Eine saubere und von Beginn an MWST-konforme Buchführung ist unerlässlich. Sie vermeidet nicht nur Bussen, sondern schafft auch eine solide Grundlage für zukünftige Finanzierungsrunden und Audits. Die Entscheidung für oder gegen eine freiwillige Anmeldung sollte auf einer klaren Kalkulation des potenziellen Vorsteuerabzugs im Verhältnis zum administrativen Aufwand basieren.
Das Wichtigste in Kürze
- Das richtige Ökosystem aus Talent, Forschung und Zulieferern ist oft wertvoller als die tiefste Steuerrate.
- Talentzugang und administrative Beschleunigung durch die Standortförderung sind entscheidende, nicht-monetäre Standortvorteile.
- Randregionen bieten als „versteckte Champions“ oft ein besseres Gesamtpaket für Start-ups in der Wachstumsphase.
Warum verlegen Biotech-Riesen ihren Hauptsitz trotz hoher Löhne in die Schweiz?
Die Antwort auf diese Frage ist die ultimative Bestätigung des Ökosystem-Denkens. Wenn multinationale Konzerne wie Biogen, Roche oder Novartis ihre strategisch wichtigsten Forschungs- und Produktionsstandorte in der Schweiz ansiedeln oder ausbauen, dann nicht primär wegen der Unternehmenssteuern. Sie tun es, weil die Schweiz ein Gesamtpaket bietet, das weltweit nahezu unerreicht ist und nachhaltiges, qualitatives Wachstum ermöglicht. Die Schweizer Medtech-Industrie verzeichnete über 6% Umsatzwachstum in den letzten zwei Jahren, ein klares Indiz für die Dynamik des Sektors.
Diese Konzerne suchen nach einem stabilen und berechenbaren Umfeld, das ihre wertvollsten Güter schützt: ihr geistiges Eigentum (IP). Die Schweiz bietet einen der stärksten IP-Schutze der Welt, politische Stabilität und Rechtssicherheit. Diese Faktoren sind für ein forschungsintensives Unternehmen, dessen Wert in Patenten liegt, fundamental wichtiger als ein paar Prozentpunkte bei der Gewinnsteuer. Wie Branchenexperten zusammenfassen, ist es die einzigartige Mischung, die den Ausschlag gibt.
Es geht nicht nur um Steuern, sondern um die Kombination aus politischer Stabilität, starkem IP-Schutz, Kapitalverfügbarkeit und der Nähe zu Top-Forschungseinrichtungen wie ETH und EPFL.
– BioAlps, Medical technology cluster expertise
Darüber hinaus erzeugen diese Grossansiedlungen einen enormen „Spillover-Effekt“. Sie ziehen nicht nur Top-Talente aus der ganzen Welt an, sondern schaffen auch ein komplettes lokales Ökosystem an hochspezialisierten Zulieferern, Dienstleistern und Spin-offs. Ein kleines Start-up, das sich in der Nähe eines solchen Riesen ansiedelt, profitiert direkt von diesem Pool an Know-how und potenziellen Kunden.
Fallbeispiel: Der Spillover-Effekt von Biogen in Luterbach (SO)
Die Ansiedlung des grossen Produktionsstandorts von Biogen hat die gesamte Region Solothurn belebt. Es entstand nicht nur eine grosse Anzahl direkter Arbeitsplätze, sondern auch ein ganzes Netz von Zulieferern und Dienstleistern, von Logistikfirmen bis zu spezialisierten Reinigungsunternehmen. Diese hohe Innovationsintensität, bei der Schweizer Medtech-Hersteller bis zu 30% ihres Umsatzes in F&E investieren (globaler Durchschnitt: 6,7%), wirkt wie ein Magnet auf weitere Unternehmen und Talente.
Für Sie als Gründer ist die Lektion klar: Folgen Sie nicht nur dem Geld, sondern folgen Sie dem „Smart Money“. Die Standorte, die für die globalen Riesen attraktiv sind, bieten auch für Sie die besten langfristigen Wachstumschancen – durch Stabilität, Schutz Ihres geistigen Eigentums und die Integration in ein erstklassiges globales Innovationsnetzwerk.
Fragen und Antworten zur Standortwahl in der Schweiz
Wie kann ich als Startup in einer Randregion qualifizierte Mitarbeiter finden?
Kooperationen mit lokalen Hochschulen wie der HES-SO Valais-Wallis oder der FHS St. Gallen ermöglichen frühzeitige Talentbindung und Mitgestaltung von Curricula.
Welche Alternativen zum hohen Gehalt kann ich anbieten?
Mitarbeiterbeteiligungen, flexible Arbeitsmodelle, Naturerlebnisse und Unterstützung bei der Wohnungssuche sind attraktive Benefits für Talente aus Städten.
Ist ein Remote-First-Modell in der Schweiz rechtlich möglich?
Ja, aber beachten Sie die kantonalen Unterschiede im Arbeitsrecht und Gesamtarbeitsverträge (GAV) in Ihrer Branche.