
Die globale Führungsrolle von Schweizer Drohnen bei der Brückeninspektion ist kein Ergebnis überlegener Mechanik allein, sondern einer intelligenten Transformation von Daten in Entscheidungsgrundlagen.
- Robuste, kollisionstolerante Hardware ermöglicht die Datenerfassung in komplexen und unzugänglichen Umgebungen, wo Standarddrohnen scheitern.
- Spezialisierte KI-Software analysiert Tausende von Bildern, identifiziert millimetergrosse Schäden automatisch und erstellt präzise 3D-Modelle.
Empfehlung: Der wahre Wert für Ingenieure liegt nicht im Kauf einer Drohne, sondern in der Integration des gesamten digitalen Prozesses – vom autonomen Flug über die KI-Analyse bis hin zum fertigen BIM-Modell.
Die Vorstellung ist faszinierend: Ein autonomes Fluggerät, kaum grösser als ein Aktenkoffer, inspiziert die verborgensten Winkel einer massiven Betonbrücke, die seit Jahrzehnten Wind und Wetter trotzt. Während viele die beeindruckende Hardware und die stabilen Flugeigenschaften bewundern, liegt die wahre Revolution, die aus dem Schweizer „Drone Valley“ kommt, oft im Verborgenen. Es geht längst nicht mehr nur darum, eine Kamera in die Luft zu bringen. Die eigentliche Disruption geschieht in der Verarbeitung der gesammelten Daten – eine Domäne, in der Schweizer Ingenieurskunst eine neue Dimension erreicht.
Die landläufige Meinung konzentriert sich oft auf die sichtbaren Aspekte: die Präzisionsmechanik, die leistungsstarken Motoren oder die hochauflösenden Kameras. Doch was, wenn der wahre Quantensprung nicht in der Drohne selbst liegt, sondern in dem, was danach passiert? Wenn die eigentliche Wertschöpfung in der Transformation von Tausenden von Rohbildern in intelligente, entscheidungsrelevante Informationen für Ingenieure und Bauwerksverwalter liegt? Dieser Wandel von reiner Datenerfassung hin zur automatisierten Analyse ist das Herzstück des Schweizer Erfolgs.
Dieser Artikel taucht tief in dieses Ökosystem ein. Wir analysieren nicht nur, wie die Hardware für extreme Bedingungen konzipiert wird, sondern vor allem, wie Software und künstliche Intelligenz die eigentliche Intelligenz liefern. Von der autonomen Programmierung für den Flug in alpinen Tälern bis zur nahtlosen Integration der Ergebnisse in Building Information Modeling (BIM) – wir entschlüsseln, warum die Schweizer Herangehensweise mehr ist als die Summe ihrer Teile und wie sie die Instandhaltung kritischer Infrastrukturen weltweit neu definiert.
Inhaltsverzeichnis: Die Systemintegration hinter dem Erfolg der Schweizer Drohnen
- Warum sind Schweizer Roboterarme in der Chirurgie weltweit führend?
- Wie programmiere ich eine Drohne für den autonomen Flug in den Alpen?
- Mechanik oder Code: Wo liegt die wahre Wertschöpfung der Schweizer High-Tech?
- Der Fehler, die Serienproduktion zu früh ins Ausland zu verlagern
- Wann revolutionieren Schweizer Quanten-Chips die Verschlüsselung?
- Warum ist die digitale Vermessung aus der Luft präziser als das Schnurgerüst?
- Warum schaffen es ETH-Erfindungen so schnell zur Marktreife?
- Wie senkt „Building Information Modeling“ die Baukosten bei Grossprojekten um 15%?
Warum sind Schweizer Roboterarme in der Chirurgie weltweit führend?
Was auf den ersten Blick wie ein Sprung in ein anderes Technologiefeld wirkt, folgt in Wahrheit der gleichen Logik, die auch den Drohnenmarkt beflügelt: die Verbindung von hochpräziser Mechanik mit intelligenter Software in einem Ökosystem, das schnelle Iterationen fördert. Der Erfolg von Schweizer Roboterarmen im Operationssaal basiert nicht allein auf der mechanischen Genauigkeit, sondern auf der Zuverlässigkeit des Gesamtsystems. Dasselbe Prinzip gilt für Inspektionsdrohnen in kritischen Umgebungen. Ein anschauliches Beispiel ist die Entwicklung von kollisionstoleranten Drohnen wie der Elios von Flyability. Anstatt Kollisionen um jeden Preis zu vermeiden, wurde eine flexible Panzerung entwickelt, die es der Drohne erlaubt, in beschädigte Gebäude oder komplexe Industrieanlagen einzufliegen, wo jede Berührung für eine Standarddrohne fatal wäre. Diese Kollisionstoleranz ist ein Hardware-Merkmal, das erst durch die Software, die den Flug auch nach Kontakten stabil hält, seinen vollen Wert entfaltet.
Diese enge Verzahnung von Entwicklung und Produktion ist ein strategischer Vorteil. Patrick Thévoz, CEO von Flyability, unterstreicht dies mit einer klaren Aussage, die für das gesamte „Drone Valley“ gilt:
Es ist ein riesiger Vorteil, hier zu produzieren, wo unsere Entwickler sind. So sind wir schneller, als wenn wir das Design machen und es zur Produktion an eine Fabrik in China schicken.
– Patrick Thévoz, CEO von Flyability
Diese Philosophie ermöglicht eine agile Produktentwicklung, bei der Erkenntnisse aus der Praxis direkt in die nächste Hardware- und Software-Generation einfliessen. Der wirtschaftliche Erfolg bestätigt diesen Ansatz: Der Schweizer Drohnenmarkt hat eine beachtliche Grösse erreicht. Einem Bericht zufolge wird der Umsatz im Jahr 2024 auf 569 Millionen CHF geschätzt, mit einem prognostizierten jährlichen Wachstum von 7,4 % bis 2030. Dies zeigt, dass die Nischenstrategie, hochspezialisierte und robuste Systeme für anspruchsvolle Märkte zu entwickeln, Früchte trägt.
Wie programmiere ich eine Drohne für den autonomen Flug in den Alpen?
Der autonome Flug in den Alpen stellt Drohnen vor extreme Herausforderungen, die weit über das hinausgehen, was in offenem Gelände üblich ist. Enge Täler erzeugen GPS-Schatten, schnelle Wetterwechsel erfordern adaptive Flugparameter und die komplexe Topografie verlangt nach einer Navigationslogik, die sich nicht allein auf globale Positionierungsdaten verlassen kann. Hier kommt die Sensorfusion ins Spiel: Die Drohne kombiniert Daten von verschiedenen Sensoren – IMUs (Inertial Measurement Units), Barometer, Kameras (visuelle Odometrie) und LiDAR – um ein präzises Lagebild zu erstellen, selbst wenn das GPS-Signal abreisst.

Die Programmierung einer solchen autonomen Mission ist keine triviale Aufgabe. Sie erfordert ein tiefes Verständnis sowohl der Flugdynamik als auch der Datenverarbeitung. Entwickler müssen Algorithmen implementieren, die in Echtzeit Pfade planen, Hindernisse erkennen und auf unvorhergesehene Ereignisse reagieren können. Doch die technische Umsetzung ist nur ein Teil der Gleichung. In der Schweiz, die laut dem Drone Industry Report weltweit Platz 1 bei der Marktgrösse pro Kopf einnimmt, ist die Einhaltung der regulatorischen Rahmenbedingungen ebenso entscheidend. Bevor eine autonom fliegende Drohne zur Brückeninspektion aufsteigen kann, muss die Software zertifiziert und der Betrieb genehmigt werden.
Für angehende Piloten und Entwickler ist der Weg zur offiziellen Betriebserlaubnis klar strukturiert. Das Bundesamt für Zivilluftfahrt (BAZL) hat einen Prozess etabliert, der die Sicherheit im Luftraum gewährleisten soll.
Ihr Plan zur BAZL-Zertifizierung für autonome Flüge
- Registrierung als Drohnenpilot: Der erste Schritt erfolgt über das UAS.Gate Portal des BAZL, um sich offiziell als Betreiber zu registrieren.
- Erhalt der eID: Nach der Registrierung wird die UAS-Betreibernummer (eID) ausgestellt, die zur Kennzeichnung der Drohne dient.
- Absolvierung der A1/A3 Schulung: Für den Betrieb der meisten kommerziellen Drohnen (bis 25 kg) ist das Bestehen der Online-Schulung und -Prüfung obligatorisch.
- Erwerb des A2 Fernpilotenzeugnisses: Für erweiterte Operationen, wie das Fliegen näher an unbeteiligten Personen, ist eine zusätzliche Prüfung erforderlich.
- Einhaltung von Luftraumregeln: Grundsätzlich gilt eine 5-km-Abstandsregel zu Flugplätzen, für deren Unterschreitung eine Sondergenehmigung von Skyguide oder dem Flugplatzleiter nötig ist.
Mechanik oder Code: Wo liegt die wahre Wertschöpfung der Schweizer High-Tech?
Die Debatte, ob der Wert in der robusten Mechanik oder im intelligenten Code liegt, ist im Kontext der Schweizer Drohnenindustrie irreführend. Die Frage ist falsch gestellt. Es geht nicht um ein „Entweder-oder“, sondern um eine tiefe, untrennbare Symbiose. Die wahre Wertschöpfung entsteht an der Schnittstelle, wo Hardware und Software verschmelzen, um ein Problem ganzheitlich zu lösen. Ein perfektes Beispiel ist das EPFL-Spinoff SwissInspect. Das Unternehmen kombiniert Drohnentechnologie nicht nur mit KI, sondern auch mit Computer Vision, um Brückeninspektionen zu revolutionieren. CEO Amir Rezaie fasst den Kern des Geschäftsmodells zusammen: „Wir verwandeln Rohdaten in verwertbare Informationen“. Die KI-Software analysiert dabei die von der Drohne aufgenommenen hochauflösenden Bilder und identifiziert automatisch Schäden wie Risse, Abplatzungen, Ausblühungen und Rost.
Fallstudie: SwissInspect – Von Rohdaten zu verwertbaren Informationen
Das aus der EPFL hervorgegangene Unternehmen SwissInspect hat ein System entwickelt, das den gesamten Inspektionsprozess digitalisiert. Eine Drohne erfasst Tausende von Bildern einer Brücke. Diese Rohdaten werden anschliessend von einer KI-Software analysiert, die darauf trainiert ist, spezifische Schadensmuster zu erkennen. Das Ergebnis ist kein Ordner voller Bilder, sondern ein strukturierter Bericht, der Ingenieuren genau zeigt, wo Handlungsbedarf besteht. Dieser Prozess der Daten-zu-Information-Transformation ist der entscheidende Werttreiber, der weit über die reine Flugfähigkeit der Drohne hinausgeht.
Der Nutzen dieser systemischen Integration ist nicht nur theoretischer Natur, sondern lässt sich in konkreten Zahlen messen. Der Vergleich zwischen traditionellen Inspektionsmethoden und dem drohnenbasierten Ansatz zeigt eine massive Effizienzsteigerung in allen relevanten Bereichen. Die Automatisierung erhöht nicht nur die Geschwindigkeit und Präzision, sondern steigert auch die Arbeitssicherheit erheblich, da gefährliche manuelle Arbeiten an Gerüsten oder mit Hubsteigern entfallen.
| Kriterium | Traditionelle Methode | Drohnen + KI |
|---|---|---|
| Zeitaufwand 200m²-Brücke | 13 Stunden | 6,5 Stunden (-50%) |
| Ausrüstung benötigt | Gerüste, Hubsteiger | Drohne, Software |
| Arbeitssicherheit | Hohes Unfallrisiko | Minimal (Fernsteuerung) |
| Genauigkeit | Manuelle Dokumentation | <1mm automatisiert |
| Wiederholbarkeit | Neue Einrichtung nötig | Gespeicherte Flugrouten |
Der Fehler, die Serienproduktion zu früh ins Ausland zu verlagern
In einer globalisierten Wirtschaft scheint die Auslagerung der Produktion in kostengünstigere Länder ein logischer Schritt zu sein, um Skaleneffekte zu erzielen. Für die Schweizer High-Tech-Branche, insbesondere im Bereich der Robotik und Drohnentechnologie, kann dieser Schritt jedoch ein strategischer Fehler sein, wenn er zu früh erfolgt. Der Grund liegt in der bereits beschriebenen, extrem engen Kopplung von Hardware- und Softwareentwicklung. Der schnelle, informelle Austausch zwischen einem Ingenieur, der einen Algorithmus schreibt, und einem Techniker, der einen Prototypen montiert, ist von unschätzbarem Wert. Wird diese Kette durch Tausende von Kilometern und unterschiedliche Zeitzonen unterbrochen, verlangsamt sich der Innovationszyklus drastisch.
Dieses Prinzip erklärt, warum das „Drone Valley“ mehr ist als nur eine Ansammlung von Firmen. Es ist ein physisch konzentriertes Ökosystem, das von der Nähe zu den weltweit führenden technischen Hochschulen, der ETH Zürich und der EPFL in Lausanne, profitiert. Das National Centre of Competence in Research (NCCR) Robotics vereint allein 20 Professoren und über 100 Forscher an vier Universitäten. Diese Dichte an Talent und Wissen schafft einen Nährboden, auf dem aus akademischen Erkenntnissen schnell kommerzielle Produkte entstehen. Die Produktion vor Ort zu halten, bedeutet, diesen direkten Draht zur Forschung nicht zu kappen.
Die Vorteile gehen über die reine Entwicklungsgeschwindigkeit hinaus. Wie eine Teststudie zur Brückeninspektion in Brandenburg zeigte, führt der automatisierte Drohneneinsatz zu direkten Kosteneinsparungen und einer signifikanten Erhöhung der Arbeitssicherheit. „Durch den automatisierten digitalen Drohneneinsatz kann auf kostenintensive Einrüstungen verzichtet werden, auch die Arbeitssicherheit wird erhöht“, heisst es in der Studie. Solche Erkenntnisse aus Feldversuchen können nur dann schnell in Produktverbesserungen umgesetzt werden, wenn die Feedback-Schleife zwischen Anwender, Entwickler und Produktion kurz ist. Eine Verlagerung der Fertigung gefährdet genau diese Agilität, die den Wettbewerbsvorteil der Schweizer Unternehmen ausmacht.
Wann revolutionieren Schweizer Quanten-Chips die Verschlüsselung?
Während die aktuelle Generation von Schweizer Drohnen ihre Stärke aus der Fusion von Mechanik und KI zieht, zeichnet sich am Horizont bereits die nächste technologische Revolution ab: die Quantentechnologie. Insbesondere im Bereich der Verschlüsselung könnten Schweizer Quanten-Chips eine entscheidende Rolle spielen. Heutige Verschlüsselungsstandards, die unsere gesamte digitale Infrastruktur schützen, basieren auf mathematischen Problemen, die für klassische Computer praktisch unlösbar sind. Ein leistungsfähiger Quantencomputer könnte diese jedoch in kürzester Zeit knacken und damit eine existenzielle Bedrohung für die Datensicherheit darstellen. Die Entwicklung von quantenresistenter Kryptographie (QKD) ist daher von strategischer Bedeutung.

Die Schweiz, mit ihrer Tradition in Präzision und einem starken Forschungscluster in Quantenphysik an der ETH und EPFL, ist hervorragend positioniert, um in diesem Feld eine führende Rolle zu spielen. Die Frage ist nicht ob, sondern wann diese Technologie die Marktreife erreicht. Die Entwicklung von stabilen Qubits und die Miniaturisierung von Quanten-Chips sind immense Herausforderungen. Doch das Ökosystem, das bereits Firmen wie Flyability hervorgebracht hat, beweist seine Fähigkeit, hochkomplexe Technologien zu kommerzialisieren. Es ist bezeichnend, dass regelmässig EPFL-Spinoffs wie Flyability, Kandou und Nexthink zu Europas Top 50 High-Tech Scale-ups gezählt werden. Diese „Super Scale-ups“ haben das Potenzial, zu „Unicorns“ mit Milliardenbewertungen heranzuwachsen.
Für die Drohnenindustrie bedeutet dies, dass zukünftige Generationen von Inspektionsdrohnen, die kritische Infrastrukturen wie Brücken, Kraftwerke oder Datenleitungen überwachen, mit Quantenverschlüsselungstechnologie ausgestattet sein könnten. Die Datenübertragung vom Fluggerät zur Bodenstation wäre damit selbst gegen die Angriffe zukünftiger Supercomputer immun. Der Zeithorizont ist zwar noch schwer abzuschätzen, doch die Grundlagen für diese Revolution werden heute in den Schweizer Laboren gelegt. Es ist die logische Fortsetzung der Strategie: die Lösung der anspruchsvollsten technischen Probleme für die kritischsten Anwendungen.
Warum ist die digitale Vermessung aus der Luft präziser als das Schnurgerüst?
Die digitale Vermessung mittels Drohnen ist nicht nur schneller und sicherer, sondern in vielen Anwendungsfällen auch präziser als traditionelle Methoden wie das Schnurgerüst oder manuelle Messungen. Der Schlüssel liegt in der Methode der Photogrammetrie: Die Drohne erstellt Tausende von sich überlappenden, hochauflösenden Fotos aus verschiedenen Winkeln. Eine spezialisierte Software analysiert diese Bilder, identifiziert identische Punkte auf mehreren Fotos und berechnet daraus eine dreidimensionale „Punktwolke“ des Objekts. Das Ergebnis ist ein extrem detailliertes 3D-Modell, auch „Digitaler Zwilling“ genannt.
Die Präzision dieses Verfahrens ist bemerkenswert. Bei der Vermessung der imposanten Europabrücke in Österreich durch das Unternehmen TRIGONOS wurden aus 6.600 Einzelfotos Daten generiert, die eine Genauigkeit von 15 mm und eine Foto-Auflösung von 1 mm erreichten. Eine solche Detailtreue wäre mit manuellen Methoden nur mit unverhältnismässig hohem Aufwand zu erreichen. Im Gegensatz zu einer punktuellen Messung mit einem Tachymeter erfasst die Drohne die gesamte Oberfläche des Bauwerks. Dies ermöglicht nicht nur die Identifizierung bekannter Problemstellen, sondern auch die Entdeckung unerwarteter Schäden.
Fallstudie: ASFINAG – Der Digitale Zwilling als Inspektionsgrundlage
Die österreichische Autobahngesellschaft ASFINAG testet bereits intensiv die KI-gestützte digitale Bauwerksprüfung. An der Feldaisttalbrücke und der Teichlbrücke wurden Drohnen eingesetzt, um Tausende von Aufnahmen für die Erstellung eines „digitalen Zwillings“ zu sammeln. Dieses 3D-Modell dient als exakte digitale Kopie des realen Bauwerks. Der entscheidende Vorteil: Zukünftige Inspektionen können auf Basis desselben Modells durchgeführt werden. Die KI vergleicht neue Aufnahmen mit dem bestehenden Modell und kann so Veränderungen, wie das Wachstum eines Risses, objektiv und millimetergenau dokumentieren. Dies ersetzt die subjektive Einschätzung eines Inspektors durch messbare Fakten.
Der digitale Zwilling bietet eine konsistente und wiederholbare Datenbasis. Während die manuelle Dokumentation von Inspektion zu Inspektion variieren kann, sorgt die gespeicherte Flugroute der Drohne dafür, dass die Daten immer aus der exakt gleichen Perspektive erfasst werden. Dies ermöglicht eine objektive „Zeitreise“, bei der die Entwicklung von Schäden über Jahre hinweg präzise verfolgt werden kann.
Warum schaffen es ETH-Erfindungen so schnell zur Marktreife?
Die Geschwindigkeit, mit der Erfindungen aus der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) und der École Polytechnique Fédérale de Lausanne (EPFL) zu marktfähigen Produkten werden, ist kein Zufall. Sie ist das Ergebnis eines sorgfältig kultivierten Ökosystems, das drei entscheidende Säulen miteinander verbindet: akademische Exzellenz, gezielte Förderinstrumente und eine starke unternehmerische Kultur. Die reine Erfindung im Labor ist nur der erste Funke. Damit daraus ein Feuer wird, braucht es Sauerstoff in Form von Kapital und Unterstützung.
Eine zentrale Rolle spielen dabei die Technologietransferstellen der Hochschulen wie „ETH transfer“ oder das „EPFL Innovation Park“. Diese Organisationen agieren als Brücke zwischen Wissenschaft und Wirtschaft. Sie helfen Forschern, ihre Erfindungen patentieren zu lassen, unterstützen bei der Erstellung von Businessplänen und vernetzen die jungen Gründer mit erfahrenen Mentoren und potenziellen Investoren. Patrick Barbey, Direktor von Innovaud, der Innovationsagentur des Kantons Waadt, betont die Stärke dieses Systems, das weit über die einzelne Institution hinausgeht und die gesamte Schweiz umfasst.
Diese strukturelle Unterstützung wird durch eine beachtliche finanzielle Schlagkraft ergänzt. Das Ökosystem zieht Risikokapital an, das bereit ist, in deep-tech Startups mit langen Entwicklungszyklen zu investieren. Seit 2010 haben Schweizer Drohnenunternehmen Investitionen von über 400 Millionen CHF angezogen. Dieses Kapital ermöglicht es den Spinoffs, die kritische Phase von der Prototypenentwicklung bis zur Serienreife zu überbrücken – eine Phase, die oft als „Tal des Todes“ für junge Technologieunternehmen bezeichnet wird. Die Kombination aus erstklassiger Forschung, professionellem Support und solider Finanzierung schafft einen „Fast Track“, der es Schweizer Innovationen ermöglicht, ihre Nischen auf dem Weltmarkt schnell zu besetzen und zu dominieren.
Das Wichtigste in Kürze
- Systemische Integration: Der Erfolg Schweizer Drohnen liegt nicht in einer einzelnen Komponente, sondern in der perfekten Abstimmung von robuster Hardware, intelligenter Software und agilen Prozessen.
- Wertschöpfung durch Daten: Die eigentliche Revolution ist die Transformation von rohen Bilddaten in entscheidungsrelevante, strukturierte Informationen für Ingenieure mittels KI.
- Agiles Ökosystem: Die Nähe von Weltklasse-Forschung (ETH/EPFL), Produktion und Kapitalgebern ermöglicht einen extrem schnellen Innovationszyklus und beschleunigt die Marktreife.
Wie senkt „Building Information Modeling“ die Baukosten bei Grossprojekten um 15%?
Building Information Modeling (BIM) ist mehr als nur eine 3D-Software; es ist eine Arbeitsmethode, die den gesamten Lebenszyklus eines Bauwerks digital abbildet und verwaltet. Der durch Drohnen erstellte „Digitale Zwilling“ ist dabei ein entscheidender Datenlieferant, aber erst die Integration dieser Daten in ein umfassendes BIM-Modell entfaltet das volle Sparpotenzial. BIM verknüpft die 3D-Geometrie des Bauwerks mit weiteren Dimensionen: der Zeit (4D-Planung) und den Kosten (5D-Planung). So können Bauabläufe simuliert und finanzielle Auswirkungen von Planungsänderungen in Echtzeit bewertet werden.
Die Effizienzgewinne sind erheblich. Offizielle Schätzungen des Bundes gehen bei konsequenter Anwendung von BIM von einer Effizienzsteigerung von 5 bis 10 Prozent bei Kosten und Terminen aus. Bei Grossprojekten können die Einsparungen, je nach Komplexität und Integrationsgrad, sogar bis zu 15% oder mehr betragen. Einer der grössten Hebel ist die Kollisionsprüfung im digitalen Modell. Noch bevor der erste Bagger rollt, kann die Software Konflikte zwischen verschiedenen Gewerken (z. B. eine Wasserleitung, die mit einem Fundament kollidiert) identifizieren. Die Behebung solcher Fehler in der Planungsphase kostet nur einen Bruchteil dessen, was sie auf der Baustelle kosten würde.
Die von Drohnen gelieferten, hochpräzisen Bestandsdaten sind die Grundlage für ein verlässliches BIM-Modell. Sie ermöglichen eine präzise Planung von Sanierungsmassnahmen und stellen sicher, dass neue Bauteile exakt in die bestehende Struktur passen. Die Methode „BIM2Field“ schlägt die Brücke von der digitalen Planung zurück zur Realität auf der Baustelle, indem sie beispielsweise Absteckpunkte direkt aus dem Modell auf GPS-gesteuerte Maschinen überträgt. Durch die Dokumentation aller Vorgänge im BIM-Modell werden zudem die Lebenszykluskosten optimiert, da alle relevanten Informationen für Betrieb, Wartung und einen späteren Rückbau zentral verfügbar sind. Die Drohne ist somit nicht nur ein Inspektionswerkzeug, sondern ein integraler Sensor für das digitale Nervensystem eines modernen Bauprojekts.
Für Ingenieure und Technik-Enthusiasten, die an der Spitze dieser Entwicklung stehen wollen, bedeutet dies, über die einzelne Technologie hinauszudenken. Der nächste Schritt besteht darin, diese integrierten Systeme nicht nur zu verstehen, sondern sie aktiv in die eigenen Projekte und Arbeitsabläufe zu implementieren, um von den enormen Effizienz- und Qualitätsgewinnen zu profitieren.